Brauchen wir linke Zeitungen?

zeitungIn der neuen „ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis“ stehen ein paar Gedanken von mir zu linken Zeitungen. Dort können sie nicht, hier dafür aber umso lieber diskutiert und kommentiert werden.

Wo ist die linke Netzzeitung?

Brauchen wir linke Zeitungen? Klar brauchen wir die, würde ich gern antworten. Allerdings stecken in der Frage eigentlich zwei: brauchen wir linke Zeitungen, oder brauchen wir linke Zeitungen?

Linke, meinetwegen kritische, progressive, antiautoritäre Medien sind in den Zeiten des Neoliberalismus nötig, weil wir Orte brauchen, an denen wir ein intellektuelles Zuhause haben. Bei denen wir wissen, dass das Beschriebene durch eine kritische Brille betrachtet wird. Deren Sichtweise wir deswegen nicht teilen müssen, bei der wir aber zumindest davon ausgehen können, dass uns nicht wieder der hegemoniale Bär aufgebunden wird. Und diese kritische Perspektive ist in allen Bereichen der Medien nötig: bei den tagesaktuellen Berichten, bei Kommentaren, Analysen. Bei der Auswahl der Themen, der InterviewpartnerInnen, der KommentatorInnen, der Bilder.

Dazu brauche ich eine, gern zwei linke Tageszeitungen. Ohne Parteibindung, denn daran krankt aktuell die zersplitterte linke Presse: Die Frankfurter Rundschau wurde aus Gründen, die andere besser verstehen, von der SPD zugrunde gerichtet. Die taz ist grün, das Neue Deutschland (ND) ist LINKS. Klug wäre eine Zeitung mit den Kapazitäten, so umfangreich tagesaktuell zu berichten, dass keine zweite Zeitung nebenher nötig wäre. Das schaffen derzeit weder taz noch ND noch junge Welt. Solange aber jede davon so deutlich eine (parteipolitische) Richtung bedient, erklärt sich eigentlich von selbst, warum sie keine Aussichten hat, jemals übergreifend attraktiv zu sein.

Daneben ist eine Zeitung nötig, die aus den linken Nischen berichtet: über Arbeitskämpfe, Demonstrationen, Initiativen, Bewegungen. Die Bescheid weiß über das, was sich in Deutschland und anderswo jenseits des Horizonts der dpa tut. Und die auch den Mainstream beschreibt, erklärt und kritisiert. Täglich, wöchentlich, monatlich: eigentlich egal.

Auf meine Frage per Twitter schrieb Teresa Bücker (@fraeulein_tessa): »*wir* brauchen Medien, von denen Impulse für Weiterdenken, Veränderungen, Utopien ausgehen. Die den Status quo zu wenig finden.«

Von dieser Idealvorstellung entfernen wir uns immer weiter, Stichwort: Krise der Printmedien. Je weniger Redaktionen, je weniger (kritische) JournalistInnen, je weniger Geld für Recherche und Berichte, die keine umgeschriebenen Agenturmeldungen sind, desto mehr verblasst dieses Ideal, und damit komme ich zur Frage: brauchen wir linke Zeitungen?

Immer mehr Menschen beziehen einen großen Teil ihrer Informationen aus dem Netz. Das Netz ist schneller, vielfältiger, interaktiver, während zugleich immer mehr Printmedien aufgeben. Zudem haben viele Menschen weniger Geld für Zeitungen und über das Netz die Möglichkeit, günstiger an Informationen zu kommen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich an dieser Entwicklung etwas ändern wird.

Es stimmt, dass wir vieles, was am nächsten Tag in der Zeitung steht, schon am Tag zuvor im Netz erfahren. Vieles aber auch nicht: Im Netz finde ich vor allem meine Filterbubble, also Informationen, die den Themen ähnlich sind, für die ich mich ohnehin interessiere. (Siehe das Video von Eli Pariser auf www.ted.com.) Soziale Netzwerke sind häufig so programmiert, dass wir zuerst genau diese Dinge sehen. Das ist angesichts der Überforderung durch die schiere Masse online verfügbarer Informationen praktisch, verhindert aber, dass wir erfahren, was sich sonst noch tut. Es fehlt derzeit ein Ort im Netz, der die Funktion der Zeitung übernimmt, einen Überblick über Themen, relevante Diskussionen und Entwicklungen zu verschaffen. Gut geschrieben und gut recherchiert, von Leuten, die etwas von ihrem Thema verstehen.

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 580 / 15.2.2013

Es fehlt alles mögliche. Weil 4000 Zeichen nicht viel Platz sind und weil es sowieso unmöglich ist, das Thema erschöpfend zu behandeln. Es fehlen: die Wochen- und Monatszeitungen – auch mit der Betrachtung des Online-Experiments von Der Freitag -, es fehlt die Rolle der Propaganda (der Gegenseite), es fehlt das quasi zwanghafte sich voneinander Abgrenzen deutscher Linker, woraufhin alle in ihren jeweiligen Nischen eingehen.

Auch eine gute Erklärung, warum wir linke Medien brauchen: Marcus Klöckner in Telepolis Journalismusforschung:“Ganz auf Linie mit den Eliten“

Zur finanziellen Seite der (linken) Printmedien hat übrigens Hannah Wettig auf derselben Seite 11 im ak was geschrieben: Leben und leben lassen.

 

Foto: mr-football / Flickr, BY-ND-Lizenz

 

Tracking von Frauen in Saudi-Arabien, oder: Wenn alle voneinander abschreiben

Das Netz ist schön dafür, dass alles vernetzt ist (sic!), dass es schnell geht, dass ich mitkriege, was geschieht (wenn ich will).

Haken: wenn alle voneinander oder den Agenturen abschreiben, spielen wir Stille Post.

Aktuelles Beispiel: die Meldung, dass Frauen aus Saudi-Arabien, die das Land verlassen, elektronisch an ihren Herrn und Gebieter verpetzt werden, der dann eine SMS kriegt. Grauenhaft auf allen Ebenen, keine Frage.

Geht überall rum, hat ja auch alles Potential: Überwachung, elektronisch, Frauenunterdrückung, irgendwo da unten.

Ist aber doch nicht ganz so, wenn dem Post auf Riyadh Bureau Glauben geschenkt werden kann:

Is the Saudi Government Monitoring Women?

An uproar broke out on Twitter last week when some Saudi women discovered that their male guardians began receiving text messages on their phones informing them that the women under their custody have left or entered the country.

Reporting on the uproar, AFP described it this way: “women in Saudi Arabia are now monitored by an electronic system that tracks any cross-border movements.” This description is inaccurate.

..

At first, I did not understand the uproar on Twitter because I thought this notification system has been in place for a couple of years now.

..

When I asked why the uproar now when this has been going on for at least a couple of years now, people told me that the difference is that in the past you had to register for the service to to receive the notification text messages. Now, they said, you get the messages even if you don’t register with the ministry.

This doesn’t make sense. How is it possible for the Ministry of Interior (MOI) to send you these messages if you don’t give them your number?

As you can see here, you opt for the service. If you don’t want to get the SMS notifications then simply don’t register with the ministry. If you registered and want to opt out, the TOCs say at the end that “Both, Subscriber and MOI have the right to end the subscription at any time without showing cause.” Opting out does not mean that your dependents would no longer need permission for travel, but rather that you would have to visit the passport office to issue the permit instead of doing that conveniently online.

Das ist auch alles nicht schön, in keinster Weise. Aber ein bisschen anders als: (nur) die saudischen Frauen kriegen neuerdings elektronische Fußfesseln.

Gehört auch zum echten Qualitätsjournalismus: nicht alles unbesehen abschreiben.

Disclaimer: ob das stimmt, was Riyadh Buereau schreibt, kann ich nicht beurteilen.

 

Bild: Flickr, CC-Lizenz, by Anduze traveller

Online-Tristesse

Flickr, by Madison Guy CC-Lizenz

Online-Journalismus ist eine schwierige Sache. Dabei könnte es so einfach sein: Mehr Kollaboration, mehr Inhalt, weniger Langeweile. Internet eben, kommt von „vernetzen“.

Geht natürlich nicht so einfach. Es muss Geld verdient werden, und weil das so ist, schießen sich die so genannten Qualitätsmedien lieber ins Knie statt was Gutes draus zu machen. Nein, selbstverständlich habe ich keine Patentlösung für’s Geldverdienen, ich bin aber auch keine Betriebswirtschaftlerin.

Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, hat die Frage, wie das mit dem Geld denn gehen soll, in Berlin vor zwei Jahren sehr souverän beantwortet. Sinngemäß hat er freundlich lächelnd erklärt, dass er als Chefredakteur Journalist sei und die Aufgabe habe, guten Journalismus zu machen. Für’s Geldverdienen seien andere zuständig. Einer der wenigen deutschen Chefredakteure, die was vom Netz verstehen, Wolfgang Blau, wechselt jetzt zum Guardian. Das spricht für sich und hinterlässt in der deutschen Medienlandschaft eine Lücke.

Die Lösung liegt irgendwo zwischen anderen Vergütungsmodellen und der Nutzung des Internets für besseren Online-Journalismus. Und das heißt eben nicht, dass Print besonders schön bunt ins Netz geschubst wird, sondern dass das Potential des Internets an sich genutzt wird.

Die deutsche Online-Presselandschaft tastet sich vorwärts wie im Nebel. Beraten von Horden von Klickzahl-Steigerungs-Schlaumeiern, gefangen in unverrückbaren Vorstellungen von „Qualitätsjournalismus“. (Qualitätsjournalismus ist keine Ironie, das ist völlig ernstgemeint.)

Alle für sich, sich zu Tode konkurrierend. Qualitätsjournalismus ist dann, aus Agenturmeldungen eigene zu machen. Der Journalismus besteht in dem Fall aus dem Anpassen des Vorgekauten an den Stil des jeweiligen Hauses, das Ziel ist, zuerst fertig zu sein. Ergebnis: meine Timeline wird im Minutentakt von der gleichen Nachricht, aber von den verschiedensten Medien beglückt.

Ich brauche diese Agenturmeldungen nicht. Twitter ist sowieso schneller. (Oder Google-News, aber das ist dann ja bald vorbei, wenn die Zeitungen auf die Verlinkungen von dort selbstmörderisch arrogant verzichten. Vielleicht auch aus Verzweiflung und Ignoranz, ich bin mir nicht sicher).

Dazwischen Bilderstrecken zur Steigerung der Klickzahlen, weil so die Werbung gezählt wird. Irgendwann wird rauskommen, dass Online-Werbung eine auf keiner Realität basierenden Luftblase ist, bei der sich alle Teilnehmenden wie Poker-Spieler gegenübersitzen und wichtig tun.

Warum wird die Zeit und das Können der sicherlich höchstqualifizierten AbsolventInnen diverser Journalistenschulen nicht dafür eingesetzt, gute Geschichten zu schreiben?

Es ist einfach nicht nötig, dieselbe Geschichte auf zig Websites zu spiegeln. Wir lesen nicht nur eine News-Website. Das Internet macht es möglich, relativ schnell von einer zu anderen zu springen, und das sogar, wenn keine direkten Links gesetzt sind.

 

Links zur Konkurrenz

Immerhin, neuerdings wird vorstellbar, Links zur Konkurrenz zu setzen. Nach ca. 10-15 Jahren, in denen die Nutzung des Internets für konventionelle Medien an Bedeutung zunimmt. Hurra.

Wer hat das Märchen erzählt, der Wald des Internets sei so erschreckend, dass die Menschen immer auf einer Website blieben, solange ihnen niemand den Weg woandershin zeigt? Dieser Glaube ist immer noch weit verbreitet, aber wenn ich den Wolf mal enttarnen darf: es stimmt nicht. Ich weiß nicht, ob die Leute, die das erzählen, selbst gelegentlich im Netz sind.

Das funktioniert so: ich habe ein paar Websites, deren RSS-Feeds ich mehr oder weniger regelmäßig durchgucke. News-Websites sind nur sehr wenige dabei. Nachrichten erfahre ich über Twitter oder andere Social Media und so bewege ich mich von einer Seite zur anderen, relativ schnell wechselnd. Und wenn mir eine Seite gut gefällt, komme ich wieder. Oft landet sie in meinem Feedreader. Andere Menschen machen das anders, aber das zugrundeliegende Muster bleibt: wenn etwas gut ist, kommen sie zurück.

Es ist wie im wirklichen Leben (das kann gar nicht oft genug gesagt werden): wenn mir ein Restaurant gefällt, gehe ich öfter dort essen.

Nochmal zurück zu den überall gleichen Themen: das ist furchtbar. Ja, sicher spielt Geschwindigkeit bei Nachrichten eine Rolle. Aber wie gesagt: wer aus welchem Vorstand zurückgetreten ist, wissen wir schon, das stand schon bei Twitter. Was fehlt, sind die Geschichten dahinter und drum herum.

Was fehlt, sind gut recherchierte Geschichten, mit Leuten, die etwas Neues zum Thema zu sagen haben. JournalistInnen wollen sie gern schreiben, wir wollen sie gern lesen. Und nicht über die ewig gleichen drei Themen oder die stetig wachsenden ‚Vermischtes‘ ‚Panorama‘-Rubriken.

Stattdessen müssen arme Figuren morgens um 4 Nachtschichten schieben, um noch mehr Aktualität zu simulieren. Wer braucht denn einen „Ticker“, der eine Debatte der Präsidentschaftskandidaten kommentiert? Wenn mich das interessiert, kann ich es mir selber angucken. Seit einer Weile wird uns simuliert, dass die Präsidentschaftswahlen so wichtig sind, als fänden sie hier statt. Selbst die Kindernachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Logo berichten darüber.

Ich glaube nicht, dass das viele mehr interessiert als etwa, warum der Berliner Bausumpf das Flughafendesaster produziert. Und zwar nicht nur das das so ist und alle ganz erschüttert sind, sondern warum und was dahinter steckt.

 

Investigativer Journalismus, wäre das nicht schön?

Mal wieder investigativ wäre gut, aber erstmal kriegen wir simuliertes Tempo in Form von „Live-Tickern“.

Die sind schnell, wir können gefühlt live dabei sein, und die ReporterInnen sind auch ganz nah am Geschehen.

[4.31 Uhr] Beide Kandidaten wenden sich nun direkt an die Wähler. Sie verweisen auf die Unterschiede in ihren politischen Programmen. Romney wirbt um die Unentschlossenen und sagt, er wisse, wie er mit dem politischen Gegner, … … … (spiegel.de, 23.10., +++ Minutenprotokoll +++)

Wozu ist ein Live-Ticker nötig? Er könnte einigermaßen zeitnah darstellen, was sich irgendwo abspielt, für das sich Leute in eben dieser Geschwindigkeit interessieren. Ich finde die meisten dieser Ticker unglaublich schlecht. Das hat auch damit zu tun, dass ich vor gut 10 Jahren schon an der Entwicklung solcher Online-Tickermeldungen beteiligt war und allerhand Energie und Herzblut darauf verwendet habe, eine System zu entwickeln, wie sowas sowohl schnell als auch mit hohem Informationswert stattfinden kann. Mich interessiert nämlich weder als Ticker, was ich selber online angucken kann (Spiegel Online, siehe oben), noch – in der taz gern verwendet – atmosphärische Beschreibungen im Stil „Neben der Demonstration wird Currywurst verkauft.“

Interessant wären Tickermeldungen zum Beispiel aus laufenden politischen Verhandlungen. Das können nicht alle: dazu ist nötig zu wissen, was am Verhandlungstisch passiert und interessant wird es erst, wenn jemand politisch so kommentiert, dass Interessen und Hintergründe verständlich werden. Und nicht erst am Tag danach, sondern während es passiert.

1999 ging die erste interaktive Nachrichten-Plattform online: Indymedia. Das ist jetzt ziemlich genau 13 Jahre her. Ein Jahr später gab es die ersten Meldungen in diesem Ticker-Stil, berichtet wurde von den Protesten gegen den IWF- und Weltbank-Gipfel in Prag. Indymedia entstand als Medium der Anti-Globalisierungsbewegung, als Kritik an der einseitigen Berichterstattung über Proteste und auch, weil in Australien das erste Content Management System entwickelt worden war, mit dem es möglich war, Internetseiten kollaborativ und mit wenig Vorwissen zu erstellen. Das gab es vorher nicht. Indymedia war die erste Website überhaupt, die das Kommentieren von Nachrichten ermöglichte und als sinnvollen Beitrag zur Content-Produktion betrachtete. Im Rückblick sehe ich das kritischer, aber es war definitiv ein großer Schritt für die Menschheit. Indymedia Deutschland trennt übrigens seit Jahren Kommentare in ‚inhaltlich sinnvolle Ergänzugen zum Text‘ (oben) und ‚alles andere‘ (hellere Schrift, unten). Warum diese Idee niemand kopiert, habe ich bis heute nicht verstanden.

Ticker wurden nicht von wenigen gemacht. Sie waren der Versuch, möglichst umfangreich und zeitnah von etwas zu berichten, in der Regel über Proteste gegen Globalisierungsgipfel oder ähnliche Großereignisse, aber auch vieles andere, das mit Sozialen Bewegungen zu tun hat und in den <hust> Qualitätsmedien nur erwähnt wird, wenn es eine ordentliche Randale gibt, um gleich darauf die RandaliererInnen zu disqualifizieren. Dabei haben die bloß gut verstanden, wie Medien funktionieren.

Das war möglich, weil viele unterwegs waren und deswegen viele Beobachtungen mit einspeisten. Es gab ein komplexes System der Überprüfung der einlaufenden Meldungen und ein Ergebnis, dass den LeserInnen ermöglichte, sich ein halbwegs umfassendes Bild der Situation zu machen. Sie wurden fast gleichzeitig in mehrere Sprachen übersetzt. Es gab ein riesiges Interesse an diesen Tickern, was sicher auch mit Sensationsgier zu tun hat, aber nicht nur. Ich habe selber über Jahre erlebt, dass die KorrespondentInnen der „echten Medien“ irgendwann die Segel strichen und anriefen, um mitzukriegen, was los war.

Logisch, die waren jeweils allein oder zu zweit, hatten wenig Kontakt zu denen, die die Proteste koordinierten und damit wenig Chancen, sich ein reales Bild von dem zu machen, was geschah. Würden diese JournalistInnen der unterschiedlichsten Medien zusammenarbeiten, wäre das möglich. Aus vielen einzelnen Puzzle-Steinen lässt sich etwas herstellen, das besser über das informiert, was passiert ist. So wie es bis heute ist – 10 Jahre später -, schreiben lauter QualitätsjournalistInnen über ihre individuellen Eindrücke, gespickt mit ein paar Kommentaren mehr oder wenig zufällig Herumstehender. Im Nachbarblatt klingt das ganz anders, kein Wunder, zwei Straßenecken weiter war es ja auch ganz ruhig. Oder, noch schlimmer, sie lassen sich bei der Pressekonferenz der Polizei diktieren, was geschah. Dass das nicht die ganze Wahrheit ist, könnten sie wissen.

Nun ist die Anti-Globalisierungsbewegung Geschichte, „Live-Ticker“ gibt es seit ein paar Jahren auch auf den meisten News-Websites. Leider haben sie nur einen Teil übernommen: die Darstellungsform (+++ 18:29 Der Sack Reis fiel um +++). Auf der Strecke geblieben ist, was das Internet sonst noch zu bieten hat: Kollaboration und Teilen. Wissen teilen, um etwas Besseres zu produzieren.

 

It’s the end of the world as we know it

Wenn aber nicht alle das Gleiche machen (müssten), gäbe es Raum, etwas Neues zu machen. Seit Jahren nerven die Agenturmeldungen und ich wünsche mir schon länger Online-Journalismus, der – gern unterstützt von Technik – Meldungen an einer Stelle aggregiert und den JournalistInnen, die das ja schließlich gelernt haben, den Raum lässt, gute Geschichten zu schreiben oder – hold your breath – investigativ zu arbeiten. Geschwindigkeit ist nicht wichtig. Das kann das Internet selber, dafür braucht niemand eine Ausbildung. Was fehlt, ist Recherche, Hintergrund, Fachwissen.

Eine Utopie. Und dann lernte ich letzte Woche Géraldine Delacroix kennen, die mir leise und unaufgeregt von einer News-Website erzählte, bei der sie arbeitet, die genau das macht. Gegründet von JournalistInnen von vor allem Le Monde und Libération, finanziert durch LeserInnen (9€/Monat), frei von Werbung gibt es dort investigativen Journalismus: Mediapart.

Die Zeitungen gehen ein, die News-Websites strampeln und klammern sich an altbekannte Strohhalme. Die Zeitungskonzerne, die Alpha-Journalisten, die alberne Konkurrenz zwischen Print und Online, nicht zuletzt die Tradition spielen sicher eine Rolle. Weil es aber nicht mehr so werden wird, wie es war, wäre vernünftig, sich aufs Internet einzulassen in seinem gesamten Potential, statt es nur als weiteren Kanal zu betrachten, über den gesendet werden muss. Das funktioniert nämlich nicht. Und diese Erkenntnis ist nicht wirklich frisch.

 

 

Aufgeführt

Logo der Sendung Zapp © NDR Um den Verfassungsschutz und rechts und links geht es gerade viel. Letzte Woche beschäftigte sich das Medienmagazin Zapp mit Kristina Schröder, der Beitrag war auch hier. Heute gab es dazu folgenden kleinen Medienkrimi:

Mittags hörte ich, dass das eingebettete YouTube-Video nicht mehr da sei. Der ganze Beitrag war von der Zapp-Seite verschwunden, genauso aus der ARD/NDR-Mediathek. Der Eindruck drängte sich auf, die Ministerin könne etwas in dem Beitrag nicht gepasst haben. Glücklicherweise gab es Kopien (Hülfe!) bei YouTube, so dass sich die interessierte Öffentlichkeit trotzdem einen Eindruck verschaffen konnte.

Für abends wurde eine Erklärung in der Abmoderation der heutigen Sendung angekündigt. Die gab es dann auch. Offenbar war der Interpretationsspielraum zur Vokabel „aufgeführt“ im Beitrag zu groß. Das geneigte Pubikum ist nun aufgefordert, sich die diversen Dokumente dazu anzugucken und selbst zu entscheiden, ob „aufgeführt“ nun heißt, dass der Verfassungsschutz das Neue Deutschland (ND) für linksextremistisch hält, oder nicht (dazu auch Schreiben der Verfassungsschutz-Behörden aus Hessen und Bayern).

Wenn das ND in VS-Berichten „aufgeführt“ wird, darf es dann in einer vom Familienministerium bezahlten Broschüre als linkextremistisch bezeichnet werden? Auch wenn die Verfassungsschützer erklären, dass das ND zwar in den Berichten vorkommt, aber nicht beobachtet wird? Und darf dann gesagt werden, es sei falsch, was die Ministerin behauptet?

Diese entsprechende Textstelle (nur die fett gedruckten Worte)
„…Weder bei den Landesbehörden, noch beim Bundesamt für Verfassungsschutz wird das Neue Deutschland beobachtet, geschweige denn als als linksextremistisch eingestuft. Frau Schröders Feststellung: falsch…“ hat ZAPP inzwischen – ohne Anerkennung einer Rechtspflicht – aus dem Beitrag genommen, weil sie unter Umständen mehrdeutig interpretiert werden konnte. (Zapp)

Es bleibt der Eindruck, dass das Ministerium sehr genau darauf achtet, keine missliebigen Berichte in der Öffentlichkeit zu sehen. Wie schön, dass in unserer Demokratie Meinungs- und Pressefreiheit so wichtige Werte sind.

Reading the Riots – Guardian und LSE erforschen britische Krawalle

Hierzulande etwas anderes über Krawalle zu sagen, als dass die Beteiligten Chaoten ohne Sinn und Verstand seien und alle Gewalt frei von politischem Inhalt, führt automatisch zur öffentlichen Kreuzigung.

Anders in Großbritannien. Der Guardian hat, zusammen mit der London School of Economics, 270 Leute befragt, die dabei waren. Das ganze medial sehr hübsch aufbereitet. Sagte ich schon, dass ich einiges an Lebenszeit dafür gäbe, wenn es hier irgendwas entstünde, das dem Guardian auch nur nahe kommt?

Reading the Riots. Investigating England’s summer of disorder

http://www.youtube.com/watch?v=foTFwsb2l2M

Dasselbe ausführlicher, 18 Min.

Herausgekommen ist ziemlich viel Material. Ja, es waren Leute beteiligt, bei denen das politische Motiv ziemlich gründlich gesucht werden müsste. Bei anderen ist es deutlicher. Ich finde allein schon die Fragestellung spektakulär. Einen Überblick gibt David Cameron, the Queen and the rioters‘ sense of injustice. Letzte Woche fand die Reading the Riots Konferenz statt.

Vollends hat mein medienaktivistisches Herz die graphische Darstellung der Gerüchte bewegt, die sich per Twitter entwickelt haben: Riot rumours: how misinformation spread on Twitter during a time of crisis

Die Entwicklung des Gerüchts, der Londoner Zoo sei angegriffen und die Tiere seien befreit worden

Außerdem gibt es eine sehr fesch gemachte Timeline der Riots, jede Menge Interviews mit Beteiligten, aber auch 40 Seiten Text. Es waren übrigens gar nicht so wenig Frauen dabei.

Das Ergebnis: Auslöser der Krawalle waren die Arroganz der Eliten, Armut und Polizeigewalt.

Extreme Grafik

Der neue Verfassungsschutzbericht ist da, es gab reichlich Zeter und Mordio gestern, die Regierung verkündet eine – Überraschung – Bedrohung durch Terrorismus und Extremismus. Die Presse konnte sich nicht so recht einigen, was gestiegen war und was abgenommen hat. Dafür gibt es Grafiken. Das Bildblog hat eine ausgegraben:

Wir sehen: die Entwicklung bei den „Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich ‚Politisch motivierte Kriminalität“. Die haben abgenommen, rechts wie links.

Bloß:

„Zeichnet man den Balken der linksextremen Straftaten im gleichen Maßstab wie den der rechtsextremen, sieht die Grafik ungefähr so aus:“ (Bildblog)

(Grafiken: Bildblog, CC-Lizenz)

 

Mehr Kontrolle für die … taz

Manche Redakteure bei der taz mögen Fremdbeiträge, aber nur, wenn die genau so sind, wie sie sich vorstellen. Um Haaresbreite hätte ich mich am Streitgespräch in der Sonntaz beteiligt, nun gibt’s den Text eben hier.

Bzw. den Text gibt es eigentlich nicht, dafür mehrere Varianten. Wie das kam? Montag nachmittag gegen 16 Uhr bekam ich eine Mail mit der Bitte um einen Beitrag für den Streit der Woche „Mehr Kontrolle der Polizei“, max. 1000 Zeichen, bis Mittwoch. Aufhänger: der Handydaten-Skandal in Sachsen. Alternativ könne auch telefoniert werden und die taz würde den Text schreiben. Luxuriöses Angebot, dachte ich. Weil ich noch eine Deadline zum selben Termin hatte nebst Lohnarbeit und Kindern, schrieb ich zurück, dass ich leider keine Zeit hatte, aber die Telefon-Option..?

Ein Telefonat später kam ein Text an, der mir nicht so richtig behaglich war. Der Stil war nicht meiner (logisch) und die erste Hälfte drehte sich um das Verfahren gegen Andrej. Deswegen habe ich dann doch lieber selber einen geschrieben:

Die Handy-Datenauswertung ist ein weiterer Beleg dafür, dass Polizei dringend mehr Kontrolle braucht. ErmittlungsrichterInnen, die immer wieder als Garant für rechtsstaatliche Kontrolle angeführt werden, weil sie als ‚unabhängige Instanz‘ Überwachungswünsche der Polizei genehmigen müssen, haben auch in Dresden versagt. In den Akten der Ermittlung gegen Andrej Holm konnten wir nachlesen, dass ein Überwachungs-Antrag nach dem nächsten genehmigt wurde (Vorwurf war Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, §129a StGB. Das Verfahren wurde nach 4 Jahren Überwachung eingestellt). Dabei wurde nichts gefunden und deswegen fast ein Jahr jeweils die Verlängerung unterzeichnet: Weil er sich so konspirativ benommen habe, dass nichts zu finden war. Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Kontrolle findet kaum statt, weil die RichterInnen keine Zeit haben, die Anträge zu prüfen, und weil sie nur eine Seite hören: die der Polizei/Staatsanwaltschaft. Man kennt sich, man trifft sich beim Essen und in der Freizeit. Wer könnte den KollegInnen da schon was abschlagen? Das „Handy-Gate“ ist keine Ausnahme. Die Ausnahme ist, dass durch schlampige Aktenführung bekannt wurde, wie wenig sich Polizeien um rechtsstaatliche Vorgaben kümmern.

Am nächsten Morgen kriegte ich den so zurück:

Mein Partner Andrej Holm stand unter Verdacht, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. In seinen Ermittlungsakten konnten wir nachlesen, dass ein Überwachungs-Antrag nach dem nächsten genehmigt wurde. Sie haben nichts gefunden – genau deshalb haben Richter die Verlängerungen unterzeichnet: Er habe sich so konspirativ benommen, dass nichts zu finden war – Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Eine Kontrolle findet kaum statt, weil die RichterInnen keine Zeit haben, die Anträge zu prüfen, und weil sie nur die Seite der Polizei und Staatsanwaltschaft hören. Man kennt sich, man trifft sich beim Essen. Das „Handy-Gate“ in Dresden ist keine Ausnahme. Und ErmittlungsrichterInnen, die immer wieder als Garant für rechtsstaatliche Kontrolle angeführt werden, haben auch dort versagt.

Der Platz war knapper geworden, deswegen der Text kürzer, und eine besondere Rolle sollte spielen, dass ich überwacht worden war. Jetzt wurde mir klarer, warum schon im Telefonat mehrfach nach den Details von Andrejs Überwachung gefragt worden war (die der Redakteur nicht kannte und, trotz 1000 Zeichen, genau beschrieben haben wollte). Bis dahin hatte ich noch gedacht, ich sei gefragt worden, weil ich mich kritisch mit Polizei und dem Handydaten-Skandal auseinandergesetzt hatte.

Mein Alternativvorschlag, auch 800 Zeichen, sah dann so aus:

Die Handydaten-Auswertung zeigt, dass Polizei mehr Kontrolle braucht: ErmittlungsrichterInnen, die immer wieder als Garant für rechtsstaatliche Kontrolle angeführt werden, haben auch in Dresden versagt. In den Ermittlungsakten gegen Andrej Holm konnten wir nachlesen, dass ein Überwachungs-Antrag nach dem nächsten genehmigt wurde, obwohl nichts gefunden wurde (Vorwurf war Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung). Keine Ausnahme, sondern die Regel. Die RichterInnen haben keine Zeit, Anträge zu prüfen, und hören nur eine Seite: die von Polizei und Staatsanwaltschaft. Man kennt sich, man trifft sich beim Essen. Das „Handy-Gate“ ist keine Ausnahme. Die Ausnahme ist, dass durch schlampige Aktenführung bekannt wurde, wie wenig sich Polizeien um rechtsstaatliche Vorgaben kümmern.

Dazu die Erklärung, dass meiner Ansicht nach Andrej Holm nicht wirklich gut dazu passt und ich mich sowieso nicht primär darüber definiere, seine Freundin zu sein. Sprich, das nicht im ersten Satz stehen haben will.

Die Antwort war eine Absage. Andrej Holm im zweiten Satz reichte nicht:

Nun haben wir aber mit Frau Constanze Kurz schon jemanden, der in etwa wie Sie argumentiert und auch eine ähnliche Biografie hat. Ich habe nun versucht, dass heraus zu streichen, was sie besonders macht und das deutlich zu machen. Das hätte dann sehr gut in der  Diskussion funktioniert. Wenn Sie aber nicht möchten, dass dieses Besondere deutlich hervor tritt – dann ist es besser, dass wir es nicht machen.

Das war ja nun echt charmant – das Besondere an mir ist die Tatsache, dass ich die Freundin von Andrej bin. Was wohl Bascha Mika dazu sagen würde? Davon abgesehen haben sie mit dem Beitrag von Constanze sicher sehr gute Argumente, wie hier schon nachzulesen war.

Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass die gesamte Redaktion das so gemacht hätte. Aber bestimmt wäre einfacher, wenn der neue Redakteur seine Fremdbeiträge einfach selber schriebe, spart auf jeden Fall Zeit und dann kommt wenigstens genau das raus, was vorher geplant war. Und weil das Netz groß ist, könnt Ihr meinen Beitrag zur Diskussion ja einfach hier lesen, und Euch sogar einen aussuchen.

Einen ausführlicheren Kommentar zu Dresden von mir gab es  letzten Montag in der der „Sendung mit dem Internet“ von Antenne Düsseldorf:

(ab Min. 16:30).

Wolfgang Blau: Sieben Branchenmythen des Journalismus

Die Anhörung des Medienausschusses des Bundestages zu Qualitätsjournalismus hatte ich schon erwähnt, andere auch. Angenehm überrascht hatte mich, dass bestimmte – aus meiner Sicht konstruierte – Trennlinien zwischen Bloggerinnen und Bloggern auf der einen und Journalistinnen und Journalisten auf der anderen Seite mit großer Selbstverständlichkeit dekonstruiert wurden. Diese Trennlinien werden von Teilen beider Seiten sehr geliebt, aber vielleicht erledigt sich das dann ja langsam. Ich muss übrigens zugeben, dass ich bisher davon ausgegangen war, dass die Vokabel „Qualitätsjournalismus“ höchstens ironisch benutzt wird. Dem ist nicht so, der Dünkel reicht bis hin zu Professuren zum Thema (ein solcher Professor war anwesend).

Carta hat die Anhörung nicht nur live gebloggt, sondern dankenswerterweise gestern das Statement von Wolfgang Blau extra veröffentlicht, das auch noch auf meiner To-Do-Liste stand. Der Chefredakteur von Zeit Online hat die aus seiner Sicht sieben häufigsten Mythen über den Zustand des Journalismus beschrieben und kurz erläutert, warum es sich um Mythen handelt. Ich hoffe inständig, dass einige der hiesigen OberjournalistInnen sich das anhören, die Depression ablegen und in der Moderne ankommen.

1. Blogs stellen eine Gefahr für taditionelle, kommerzielle Medien dar.

2. Google ist schuld am Niedergang der Tageszeitungen.

3. Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.

4. Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.

5. Das Internet begünstigt eine Boulevardisierung des Journalismus.

6. Ohne öffentlich-rechtliche Online-Auftritte hätten die kommerziellen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.

7. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch ein Niedergang des Journalismus und eine substantielle Gefahr für die Demokratie. (Carta)

Noch nicht einzeln gibt es die Statements von Katharina Borchert, Geschäftsführerin Spiegel Online oder auch @lyssaslounge, Hans Leyendecker, netzwerk recherche, und Matthias Spielkamp, irights.info, die ebenfalls das Gespenst verscheucht haben, dass in etwa so heißt: „Die Blogger kommen, lasst uns einen Zaun bauen, sonst werden wir alle verhungern! Und die Demokratie bricht zusammen!“. Es gibt aber auch die komplette Aufnahme der Anhörung (auch als mp4).

Ich mache mir wenig Hoffnung, dass die Anhörung Bundestagsentscheidungen positiv beeinflussen wird, aber sie war ein Schritt in die richtige Richtung. Wobei es natürlich auch Statements gab, die ganz andere Meinungen vertreten haben, und ich natürlich nicht alles teile, was gesagt wurde usw usf. Trotzdem. Glas viertelvoll.