Keine Ausreden mehr für Männerüberhang

screenshotEs gibt sie endlich: die Speakerinnen-Liste. Eine Website mit Datenbank, über die Expertinnen für Konferenzen, Podien, Talkshows gefunden werden können.

Dickes DANKE! an die Berliner Rails Girls Gruppe, die das Projekt ganz in Ruhe und ohne Wirbel als Lernprojekt geplant und umgesetzt hat.

Viele zählen die Verteilung von Männern und Frauen auf Bühnen und ärgern sich über die häufig langweilig mit ähnlichen weißen deutschen Akademikern besetzen Veranstaltungen. Wenn Veranstalter_innen darauf hingewiesen werden, dass sie 60, 80, 100 Prozent Männer eingeladen haben, erklären viele, dass sie eben keine Frauen kennen oder gefunden haben, die zum Thema etwas hätte sagen können. Oder fordern auf, doch welche zu benennen, die so gut und kompetent über Thema XY reden können. Kann ich meistens nicht beantworten, weil ich mit den meisten Themen nicht gut genug auskenne.

Dass eine Datenbank nötig ist, ist seit langem klar.

Im IT-Bereich gab es vor Jahren mal ein ähnliches Projekt: Geekspeakr.com. Das wurde leider nicht weiter betrieben und ist inzwischen offline. Als der Netzfeminismus entstand, entstand provisorisch eine Liste mit Frauen, die zunächst über netzfeministische Themen sprechen können: Speakerinnen, vor allem von Kathrin Roenicke gepflegt.

Vor etwa anderthalb Jahren, nachdem sich bei Twitter mal wieder viele über die Besetzung einer Konferenz geärgert hatten, gab es einige Treffen und ziemlich konkrete Pläne. Die Pläne gingen baden, zuwenig Zeit, und dann gab es auch schon einige ähnliche Projekte. Da war auch schon ein Mitglied der Rails Girls dabei, und in aller Stille haben die dann einfach weitergearbeitet und mich etwa ein Jahr später kontaktiert und erklärt, sie seien jetzt fertig. Ich war ziemlich baff und habe mich enorm gefreut. Ich hatte selber in der Zwischenzeit mein Zählblog 50 Prozent gestartet, weil das weniger aufwändig ist und die reinen Zahlen als Argument auch wichtig sind.

Die neue Speakerinnen-Liste ist ungeheuer schick geworden und ist die beste Ergänzug zu meinen Zahlen. Vor zwei Tagen haben wir einige Frauen eingeladen, sich schonmal einzutragen und fast 50 haben das sofort gemacht. Heute, am 8. März, geht es los. Speakerinnen.org soll Veranstalter_innen, die oft wenig Zeit haben, erleichtern andere als die immer gleichen bekannten Namen einzuladen, sie soll Frauen ermuntern, bei einer Anfrage auch mal Ja zu sagen, auch wenn sie das Thema nicht im Schlaf herbeten können, und sie soll Mädchen und Jungen zeigen, dass Fachkompetenz nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.

Ich freue mich sehr, und hoffe, dass ich nie mehr die Frage beantworten muss, welche Frau es zum Urheberecht, zu Kryptographie oder zu Verfassungsrecht denn wirklich drauf hat.

Und ich hoffe, dass sich sehr viele Frauen eintragen.
(Dort zu stehen, verpflichtet übrigens zu gar nichts)

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(Ach ja, und es ist natürlich noch nicht alles fix und fertig, wie immer, wenn was zu einem bestimmten Datum raus soll.)

Aus dem feministischen Bilderbuch: Medien und Frauen

lemon-medium_6893264486Mir ist vor einigen Monaten etwas passiert, dass in sovielen Aspekten direkt aus dem Bilderbuch kommen könnte, dass ich mich entschieden habe, es exemplarisch aufzuschreiben. Eine Geschichte über den Umgang mit Frauen in den Medien.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob es richtig und klug ist, das öffentlich zu dokumentieren: in diesem Fall hatte ich mit einer Autorin und einer Redakteurin zu tun, und möchte ich die öffentlich in die Pfanne hauen? Eigentlich nicht. Möchte ich denjenigen Futter liefern, die jedes feministische Argument damit wegwischen, dass Frauen ja auch nicht besser seien? (In meiner Variante von Feminismus ist eh die Grundannahme, dass weder Männer noch Frauen besser als die jeweils anderen sind). Möchte ich nicht, aber ich möchte andererseits auch, dass Frauen im Fernsehen genauso oft und selbstverständlich als Expertinnen vorkommen wie Männer. Um das zu erreichen, scheint mir nötig, Erlebnisse wie dieses zu dokumentieren.

Irgendwann letzten Herbst erreichte mich eine E-Mail einer Journalistin, die Andrej Holm angeschrieben hatte, weil sie ihn für eine Sendung über Datenschutz einladen wollte. Er hatte nicht reagiert und so bat sie mich, den Kontakt herzustellen. Es kommt in unregelmäßigen Abständen vor, dass Journalist_innen von Andrej keine Rückmeldung bekommen oder erst gar nicht versuchen, ihn im Netz zu finden und es dann über mich versuchen. Das begeistert mich mäßig, mir reicht eigentlich mein eigenes Mail-Aufkommen. Es ist auch nicht schwierig, seine Kontaktdaten zu finden. Ich habe ihm diese Anfrage – wie immer – weitergeleitet, und er antwortete ihr wie immer in solchen Fällen: er ist der Meinung, dass sein Fall ausreichend medial dokumentiert ist, er hat mehr als genug mit Anfragen zu seinem eigentlichen Thema zu tun (Gentrifizierung) und verweist darauf, dass ich mich mit dem Thema inhaltlich viel mehr beschäftige, gleichermaßen von Überwachung betroffen war und deswegen die bessere Alternative sei.

Reaktion der Journalistin: ich hätte auf die Anfrage ja nicht reagiert, aber ob ich denn bereit wäre, seinen Part zu übernehmen? Bei mir war nur die Bitte angekommen, ob ich Kontakt zu Andrej herstellen könne. Selbstverständlich reagiere ich nur auf Anfragen, die mich betreffen.

In derselben Mail stand auch, dass der erste eingeladene Gast mich auch schon für die Sendung empfohlen hatte. Und so, nach der Empfehlung von zwei Männern, wurde ich also eingeladen.

Wir haben dann zur Vorbereitung der Sendung telefoniert. Während des Telefonats war mir wichtig zu klären, dass ich nicht lediglich als Betroffenene von Überwachung vorkommen möchte, sondern gleichberechtigt zum ersten Gast als Expertin zum Thema Datenschutz und Überwachung. Ich hatte den Eindruck, dass die Journalistin nicht völlig von der Idee überzeugt war. Nicht überraschend, wenn sie mich bis dahin überhaupt nicht kannte – soweit konnte ich das gut verstehen. Nachdem ich aber ja von Gast 1 empfohlen worden war, seit vielen Jahren zum Thema der Sendung schreibe und in dem Bereich auch arbeite, hat sie zugestimmt und mir garantiert, dass auch ich als Expertin eingeladen sei.

Dazu muss ich sagen, dass ich es ausgesprochen unangenehm finde, mich derart anzubiedern und explizit etwa den Status ‚Expertin‘ einzufordern. Mir hätte gereicht, wenn wir uns darauf geeinigt hätten, dass ich nicht nur über meine individuelle Erfahrung spreche, sondern auch allgemeiner zu den aktuellen Fragen rund um die Themen Datenschutz und Überwachung.

Unter dieser Voraussetzung habe ich zähneknirschend zugestimmt, für ein Honorar von 150 Euro quer durch die Republik zu reisen und mir dafür auch einen (besser bezahlten) Arbeitstag ans Bein zu binden. Ich fand (finde) das Thema wichtig und die Aussicht, eine einstündige Sendung zum Thema für’s öffentlich-rechtliche Fernsehen zu produzieren, sinnvoll.

Die Vorbereitung der Sendung wurde einigermaßen umfangreich: es wurde gefragt, ob ich aus Verfahrensakten vorlesen könne, was ich sicherheitshalber mit Anwält_innen klären musste. Es ist in Deutschland u.U. strafbar, aus solchen Akten zu zitieren, auch den eigenen. Ich habe mehrere Anwält_innen gefragt und dazu auch unterschiedliche Antworten bekommen. Ich habe zur Vorbereitung mehrere Stunden lang Akten gelesen, um die gewünschte Authentizität herstellen zu können. Ich bekam eine DVD mit Einspielern, die während der Sendung gezeigt werden sollten, und wurde gebeten, sie zur Vorbereitung anzusehen, außerdem den geplanten Ablauf der Sendung mit den Fragen, die mir gestellt werden sollten.

Die Sendung selbst wurde dann in einem Studio in einem Durchlauf aufgezeichnet. Gast Nr. 1 war bis Minute 44 der einstündigen Sendung alleiniger Gesprächspartner der beiden Moderator_innen, hatte Raum, sich selbst, seine Arbeit und seine Expertise vorzustellen. Mein Part begann nach einem Einspieler ab Minute 46, gemeinsam mit Gast 1, der mit mir die restliche Sendezeit bestritt.

In den Fragen an mich ging es um mein Erleben von Überwachung. Von den ‚Fach-Fragen‘ blieb eine übrig.

Ich war nach dem Ende der Aufzeichnung ziemlich perplex. Es war genau das eingetreten, was ich vermeiden wollte und weswegen ich das auch extra im Vorgespräch besprochen hatte: ich kam, mit Ausnahme einer Frage, ausschließlich als Opfer vor.

Ich habe diese Rolle oft gehabt, es gehört zu meinem Leben, dass ich die Geschichte erlebt habe und ich habe an sich auch nichts dagegen, sie zu erzählen, im Gegenteil. Ich halte es für wichtig, dass solche Geschichten im öffentlichen Bewusstsein bleiben und ich wünschte, es gäbe mehr Betroffene, die mit ähnlichen Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen. Nur: ich bin nicht nur Opfer, ich bin nicht nur die Partnerin von Andrej Holm. Ich habe zum Thema mehr zu sagen als das. Es ist nicht akzeptabel, neben einem als solchen präsentierten männlichen Experten auf die Opferrolle reduziert zu werden und (fast) nur dazu etwas sagen zu dürfen, in einer Sendung, die eine Stunde dauert.

Ich habe das der Autorin und der Redakteurin hinterher auch gesagt. Beide waren ziemlich überrascht, dass ich mit der Sendung überhaupt nicht zufrieden war und mein Eindruck war, dass es ihnen durchaus leid tat, dass mich das geärgert hat.

Ich frage mich, was ich noch hätte tun können, um zu vermeiden, dass es so abläuft. Ich fand schon nicht einfach, das Problem im Vorfeld überhaupt anzusprechen und so darauf zu drängen, dass ich auch inhaltlich etwas betragen könnte. Faktisch ging es mir während der laufenden Sendung so, dass ich mich bei einzelnen Punkten besser auskannte als der Experte, oder zumindest als das, was er in dem Moment gesagt hatte.

Ich habe mir den geplanten Sendeablauf hinterher nochmal angesehen und erkannt, dass sich das Problem auch in den Planung schon abzeichnete: Geplant war, dass ich ab Minute 40 auftauche. Nun bin ich keine geübte Sendeplan-Leserin und habe manchmal auch noch anderes zu tun. Selbst wenn es mir aufgefallen wäre: die Fahrkarten und das Hotel waren gebucht, und ich bekam den Plan sechs Tage vor der Sendung. Hätte ich nach anderthalb Monaten Planung absagen sollen, weil ich nur 20 Minuten statt 30 eingeplant war? Kaum. Aber ich hatte das eben auch gar nicht gesehen, sondern mich auf den Inhalt und die Fragen konzentriert.

Mir wurde dann, nachdem ich allen Beteiligten hinterher beim Essen meinen Ärger mitgeteilt hatte, noch ein Interview für die Sendungsseite angeboten. Der Experte kokettierte: „Oh! Habe ich wieder zuviel geredet?“ Das Interview wurde später telefonisch geführt, und war auch eine eher ernüchternde Erfahrung: aus einem längeren Telefonat, das offenbar nicht aufgezeichnet und (teilweise) transkribiert wurde, schrieb die Autorin ein Interview, das jede Menge Fehler enthielt. Mir wurden Sätze in den Mund gelegt, die ich nie sagen würde. Ich bin mit Interviews an sich nicht pingelig, würde ich sagen, aber „Nicht chatten, sondern stattdessen seine E-Mails verschlüsseln“ würde mir aus verschiedenen Gründen nicht über die Lippen kommen, und das ist nur ein Beispiel von vielen. Für eine ausführliche Überarbeitung war kaum Zeit, es musste am nächsten Tag fertig sein. Zurückziehen oder zähneknirschend zustimmen? Ich habe die hastig überarbeite Fassung dann abgenickt. Wie gesagt, ich bin keine Freundin des Zwangs der Autorisierung, aber in dem Fall war sie nötig.

Die zugesagten Links zu meiner Arbeit auf der Sendungs-Homepage fehlen; das „Interview“ ist auch erst nach zwei Klicks zu erreichen.

Für mich ist das Ganze eine Erfahrung wie aus dem feministischen Bilderbuch: ein Mann als Experte, eine Frau als Opfer und Illustration des bisher Gesagten. Trotz ausführlicher Absprache im Vorfeld ändert sich an diesem stereotypen Ablauf nichts.

Mir geht es, wie gesagt, nicht darum, die Verantwortlichen zu denunzieren. Aber um am offenbar fest einzementierten Frauenbild der ‚alten‘ Medien etwas zu ändern, ist der erste Schritt, über solche Erfahrungen zu reden.

Bild: ‚Ajnagraphy‘ via photopin, CC-BY-ND-Lizenz

15 Minuten

medium_5094796158Ich bin gerade in Warschau bei der Konferenz Censorship, Democracy, Gender. Feminist critiques and resistances und habe heute vormittag an einem Panel über Feministische Medien und Zensur teilngenommen (danke nochmal für die vielen Reaktionen auf meine Bitte, Beispiele und Kommentare zu meinen Thesen zu schicken).

Auf dem Podium saß auch Roman Kurkiewicz, polnischer Journalist, der eine hübsche Geschichte erzählt hat: Er hat 2009 in seiner Sendung „Kurkiewy“ bei Radío Tok FM nur Frauen als Gesprächspartnerinnen eingeladen – als Expertinnen zu allen möglichen Themen, nicht etwa bloß zu ‚Frauenthemen‘.

Und beschrieb, was dabei schwierig war: eine Frau einzuladen, dauert zusätzliche 15 Minuten. Denn die meisten Frauen sind der Meinung, dass sie zu dem konkreten Thema nicht wirklich kompetent sind, nicht gern sprechen wollen, und ob nicht vielleicht besser der Chef/Professor kommen soll? Das darauf folgende Gespräch, sie zu überzeugen, dass sie auf jeden Fall selbst kommen soll, dauert im Schnitt 15 Minuten.

Und ich muss sagen, dass ich das als Schwierigkeit schon von vielen gehört habe, die versuchen, Frauen zu irgendwas einzuladen. Nicht schön, aber wegreden hilft auch nicht. Roman Kurkiewicz sagt dazu: einen Mann einzuladen, dauert genauso lange wie die Frage dauert, dann kommt nur noch die Rückfrage: „Wann soll ich kommen?“ – maximal zwei Minuten.

Die Sendung gab es 10 Monate, dann wurde sie aus Gründen eingestellt, die nichts damit zu tun hatten, wer eingeladen wurde. Großartiges Beispiel, finde ich. Hat sowas in Deutschland schonmal jemand probiert?

Ich habe ihn nach den Reaktionen auf das Sendekonzept gefragt und es gab zwei: eine bezog sich darauf, dass er beim Sprechen teilweise ‚gendert‘, also also etwa „Direktorin“ statt Direktor“ sagt (dyrektor – dyrektorka), was auf Polnisch gemacht werden kann, aber nicht muss – ähnlich wie im Deutschen. Die Reaktion wie gehabt: er verhunze die polnische Sprache.

Die andere typische Reaktion warf ihm vor, Männer zu benachteiligen.

Gab es so einen Versuch eigentlich in unserem so viel fortschrittlicheren Land schonmal? Möchte nicht mal jemand? Mehr Aufmerksamkeit gibt’s dafür garantiert. (Dauert halt ein bisschen länger in der Vorbereitung.)

 

 

Foto: World Bank Photo Collection, via photopin, CC-BY-NC-ND-Lizenz

Feminismus und Zensur: Beispiele gesucht

Pussy_Riot_284_190Ich würde gern einen Beitrag zu einer Konferenz crowdsourcen, bei der ich nächste Woche in Warschau bin: Censorship, Democracy, Gender. Feminist critiques and resistances. Mit Pussy Riot und vielen anderen spannenden Leuten, die ich noch kennenlernen muss.

Eine großartige Themen-Kombination. Ich sitze auf einem Panel konkret zu Zensur, Politik und Medien und suche jetzt nach guten Beispielen für Fälle, bei denen feministischen Medien, Blogs, Zeitschriften, Fernseh- oder Radiosendungen von Zensur betroffen waren (oder sind).

Zensur ist ja bekanntlich mehr als das grobe staatliche Verbieten von irgendwas (aber das auch). Meine unspektakuläre These wäre, dass Zensur von feministischen Medien oft subtiler daher kommt und ich bin sicher, dass es dafür gute Beispiele gibt: kennt Ihr welche? Bitte schreibt sie in die Kommentare, ein einfacher Link reicht auch. Oder per Mail an annalist (bei) riseup (pkt) net.

Genauso interessieren mich Texte über das Phänomen, von theoretisch-akademisch bis ganz deskriptiv.

Oder Filme, Podcasts… wenn es welche gibt? Sehr gern auch aus dem nicht-deutschsprachigen Raum.

Worüber ich schon länger immer mal rede und schreibe ist die Frage, wie es kommt, dass die bekannten und ‚wichtigen‘ Blogger hierzulande ausnahmslos Männer sind. Mit der Abnahme der medialen Bedeutung der Blogs an sich spielt das nicht mehr so die Rolle, wird aber natürlich weiter tradiert und bewegt sich als Bild im Grunde nicht mehr groß.

Und hier hätte ich eine Frage an die Blogger und Bloggerinnen der ersten Stunde: wie kam es eigentlich dazu, dass die Bedeutung von Blogs in der Menge der Verlinkungen untereinander gemessen wurde?

Das war bspw. zentrales Kriterium für die Deutschen Blogcharts, aber auch Rivva oder Technorati, wenn ich mich richtig erinnere. Ein scheinbar neutral-technischer Maßstab – nur dass Technik immer ausgedacht wird und in diesem Fall ja auch andere Kriterien möglich gewesen wären. Wenig überraschend ist meine These, dass diese Form, Bedeutung zu messen, das Äquivalent zu den althergebrachten Seilschaften ist. Wer erinnert sich daran, wie es dazu kam? Standen anfangs Alternativen im Raum? Ich glaube nicht, dass diese (technische) Struktur absichtlich mit dem Ziel des Ausschlusses von irgendwem entwickelt wurde. Aber umso interessanter ist doch, wie es dazu kam.

Falls diese Überlegung auch auf die Welt jenseits der Blogosphäre übertragbar wäre: umso besser.

Aber erstmal reichen auch die Geschichten.

Danke!

 

Foto: Denis Bochkarev Creative Commons Licence 3.0

Spieglein, Spieglein an der Wand

spiegel

Hani Yousuf ist eine pakistanische Journalistin, die ein paar Jahre in Berlin gelebt hat und dann nach Pakistan zurückgekehrt ist. Sie hat verschiedene Artikel über ihre Beobachtungen in Deutschland geschrieben und die empfehle ich hiermit wärmstens.

Seit vielen Jahren begegnet mir in Gesprächen  in Deutschland immer wieder die mehr oder weniger explizite Annahme, dass es bei uns mit der Gleichberechtigung von bzw. Sexismus gegen Frauen doch vergleichsweise gut aussähe. Also, im Vergleich mit weniger privilegierten, nicht-westlichen Ländern, gerade denen mit vor allem muslimischer Bevölkerung. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, aber ich kenne ebenfalls seit Jahren Beschreibungen von z.B. arabischen Frauen, die das heftig bestreiten. Nicht, dass es irgendwo besonders gut aussähe, was das angeht, aber auf jeden Fall anders, und das heißt nicht schlechter.

In Deutschland haben wir uns ja an vieles notgedrungen gewöhnt, was weit entfernt von akzeptabel ist. Der #aufschrei hat Anfang des Jahres für eine Woche kurz gezeigt, wie der ganz normale sexistische Alltag in Deutschland aussieht. Und das ist damit eben nicht auch überall sonst die Regel. Nackte Frauen in unterwürfigen Posen an jeder Bushaltestelle? Kritik daran wird mit einem Argument kaltgestellt, dass schon die 68er gut drauf hatten: Prüde, oder was? Oder eben der Frage, ob Taliban und Burka etwa besser wären. Eine Gesellschaft, in der Frauen nicht als photogeshopte Objekte Werbung für irgendwelche Gegenstände aufhübschen, ist für mich erstrebenswerter als diese. Und das soll es außerhalb der ‚westlichen‘ Welt durchaus geben.

Jedenfalls habe ich mich über Hani Yousufs Artikel sehr gefreut, weil ihre Außen- und gleichzeitig Innensicht so gut zeigt, dass sich hier Sexismus, Rassismus und Eurozentrismus hervorragend ergänzen.

Aus „Mein Patriarchat ist besser als deins“, Tagesspiegel:

Anderthalb Jahre steckte ich in Berlin knietief in Sexismus und Rassismus – dann bin ich im August letzten Jahres in meine Heimatstadt Karachi zurückgezogen. Ja, ich nenne die Dinge beim Namen: Auch wenn das nicht zur populären Meinung passt, fühle ich mich als Journalistin in Pakistan sehr viel wohler als in Berlin.

Ein Grund, warum wir den sexistischen Alltag jeden Tag schlucken? Weil wir uns nicht vorstellen können, dass es auch anders ginge.

Aber immer, wenn ich anderen Freunden von meinen Erfahrungen erzählte, sagten sie – und auch ich bildete mir das ein –, dass so was ja immer und überall passiere. Nicht nur hier in Berlin. Aber es war nirgends auf der Welt so wie in Berlin.

In einem älteren Artikel, veröffentlich in der „Welt“, beschrieb Hani Yousuf, wie sie journalistischen Alltag in Berlin erlebte.

„Newsline“, Karachi, Pakistan:

In den monatlichen Redaktionssitzungen tranken wir würzigen Chai und verrissen das Konkurrenzblatt „Herald“. Den Vorsitz führten die Chefredakteurin und ihre drei Ressortleiterinnen, die das Magazin mitgegründet hatten. … Die Redaktionssitzungen fanden in dem Raum statt, den sich die Chefredakteurin mit ihren Ressortleiterinnen teilte.

„Die Welt“, Berlin:

Im ganzen Raum leuchten Computerbildschirme, während ein Mann nach dem anderen den Raum betritt, im Anzug ohne Schlips oder in einer Tweedjacke mit Ellbogenschonern, in der Hand die Kaffeetasse. Der auffälligste Unterschied ist der Mangel an Frauen. Das hat mich überrascht. Ich komme ja aus Talibanland, doch so stark wie hier in Deutschland ist es mir noch nie bewusst geworden, dass ich eine Frau bin.

Und:

Meine Patentante Susy aus Dreieich, wo meine Mutter aufgewachsen ist, war ein wenig pikiert, als ich über Sexismus in Deutschland sprach. „Immerhin sind unsere Kanzlerin und einige Kabinettsmitglieder Frauen“, sagte sie. „Ihr seid spät dran“, sagte ich. „Indien hatte Indira Gandhi schon in den 60er-Jahren, Pakistan Benazir Bhutto in den 80ern, Bangladesh Khaleda Zia in den 90ern. Will ich damit sagen, dass wir keine unterdrückten Frauen hätten, keine ernsten Probleme mit der Ungleichheit der Geschlechter? Natürlich nicht.

Alles aus „Wo sind denn hier die Frauen?„, Die Welt, 2011

Wie gesagt, es geht gar nicht darum so zu tun, als sei in Pakistan alles prima. Das schreibt Hani Yousuf auch selbst. Frappierend finde ich bloß den Spiegel, den wir vorgehalten bekommen, der sehr deutlich macht, wie dick die Propaganda-Schicht ist, die uns das klare Denken verkleistert.

Während sie in Deutschland war, war sie übrigens auch Mitglied von Pro Quote.

Bevor ich auf diese Frauen traf, war ich oft verärgert, dass deutsche Frauen nichts unternahmen gegen die Tatsache, dass sie in Medienunternehmen unterrepräsentiert waren, besonders am oberen Ende der Karriereleiter, und dass sie weiterlebten, in Selbstverleugnung, in dem Glauben, dass sie alles (erreicht) hätten.

In „Wie ich in Deutschland Feministin wurde“ beschreibt sie typische, eklige Situationen mit ‚aufgeklärten‘ westlichen Frauen und deren rassistischen Klischees:

„Denkst du wirklich, du bist progressiver als wir?“, hat meine österreichische Freundin mich gefragt. Ihre Ansichten empfand ich als beleidigend und sie machten mich traurig. Mit dieser Frage hat sie mich sofort zur „Anderen“ gemacht. Dazu hat sie den Fehler begangen, den viele Frauen aus entwickelten Ländern begehen: Sie übersehen, dass Gender noch immer ein großes Thema ist – auch in ihren eigenen, „entwickelten“ Gesellschaften.

Ich bin keine Pakistan-Kennerin und gebe gern zu, dass ich vieles von dem, was in den Artikeln steht, nicht beurteilen kann. Mich interessierte vor allem die Beschreibung ihrer Erlebnisse in Deutschland. Ich fand sie gut beobachtet und überzeugend aufgeschrieben. Not more, not less.

Macht Euch selbst ein Bild, lest die Artikel ganz und folgt ihr: twitter.com/haniyousuf

 

Bild: by rosmary, CC-Lizenz

Damsel in Distress – Das ‚Fräulein in Nöten‘ als sexistisches Grundmodell in Computerspielen

Nach zwei intensiven und daher blog-freien Workshop-Wochen, bei denen ich viel über digitale Sicherheit gelernt habe (z.B. wie sich Jitsi, die Open-Source-Alternative zu Skype, über Tor laufen lässt!) stolpere ich als erstes über ein Thema, dass ich sonst eher am Rande behandele: Computerspiele.

Einige erinnern sich vielleicht an den Super-Shitstorm, der sich letztes Jahr über Anita Sarkeesian ergoss, als sie ihr Crowdfunding-Projekt startete mit dem Ziel, Sexismus in Computerspielen zu analysieren. Dazu gibt es den sehr empfehlenswerten TED-Talk von ihr, weiter unten zu sehen.

Der erste Teil des Projekts ist gerade fertig geworden:

Damsel in Distress: Part 1 – Tropes vs Women in Video Games

Das erklärt wohl u.a., warum ich mich mit Computerspielen nie anfreunden konnte.

Mehr zum Thema bei tropesversuswomen.tumblr.com

 

Anita Sarkeesian at TEDxWomen 2012

 

 

Netzpolitik und Frauen passen einfach nicht zusammen

The internet is a series of tubesDer Eindruck drängt sich jedenfalls ziemlich auf, nachdem bei netzpolitik.org zu lesen stand, dass nur 8% der LeserInnen dort Frauen sind. Die Redaktion fragte sich dann:

Wie kann der Anteil weiblicher Leserinnen gesteigert werden? Netzpolitik sollte keine Männersache sein und geht alle an.

In den Kommentaren entspann sich ein buntes Treiben, um dessen Moderation ich niemanden beneide. Mein Verdacht war, dass die Frage dort das richtige Publikum gar nicht erreicht, denn erklärtermaßen lesen die Frauen, die nicht netzpolitik.org lesen, netzpolitik.org ja nicht. Über den Umweg einer Facebook-Gruppe, die leider das derzeit größte mir bekannte Forum von Bloggerinnen und sonst netzaffinen Frauen ist, das ich kenne, entstand ein Blogpost von Claudia Kilian: Netzpolitik ist weiblich. Auch dort wurde viel diskutiert.

Für mich riecht das Blog Netzpolitik männlich. – Ich bin nicht gut im erklären, aber für mich ist der vorherige Satz, genau die Erklärung, die ich mir selbst geben würde. Das ganze Blog besitzt eine durch und durch männliche Ausstrahlung und wenn ich die Zahl der Mitschreiberinnen hätte schätzen sollen, dann hätte ich sie bei der Prozentzahl geschätzt, bei denen die Leserinnen liegen: jedenfalls eindeutig im einstelligen Bereich. (Claudia Kilian, Sammelmappe)

Und ungefähr hier fangen dann die kulturellen Differenzen an, die vielleicht mit zu den Ursachen gehören, warum sowenig Frauen netzpolitik.org lesen. Im Text und in den Kommentaren ging es um:

Bunter, kreativer, abwechslungsreicher, nicht immer zu ernst – muss ja nicht gleich in Klamauk ausarten – und ganz wichtig: einen Bezug zum Alltag herstellen.

Zu viel Technik, Gesetz und Recht, Staatsmacht, zu wenig Reflektion über Beziehungen, Kultur, Was kann ich machen? Und auch zu viel klare Positionierung, mich interessiert eher das Diskutieren von offenen Fragestellungen.

Ich kann das “Stallgeruch” Phänomen spontan gut nachempfinden. Die Erklärungen hinsichtlich mangelnder soz. Reflexion/ pers. Bezugs finde ich insofern plausibel, als sie sich schon darin zeigen, dass hier darüber diskutiert wird, statt auf Netzpolitik.org (die ja explizit Kommentare dazu wollten).

Ich empfand die Diskussionskultur dort als wenig inspirierend, besserwisserisch, teilweise arg trollig. Die Netzpolitik-Diskussionen führe ich (bisher) fast ausschließlich offline unter Freund*innen und Kolleg*innen.

Ich stehe meist mit einem Bein in der netzpolitisch-hacktivistischem Community mit den gefühlt 92% Männern und mit dem anderen in der feministischen Community, die manchmal, aber selten, netzpolitisch und häufig sehr netzaffin ist. Und das seit gut zehn Jahren. Beide leben unabhängig und in weitgehender Ignoranz voneinander. Etwas von der einen in die anderen zu übertragen hat große Ähnlichkeiten mit dem Übersetzen von Sprachen. Es ist nicht bloß das Vokabular, das unterschiedlich ist, sondern auch die Art und Weise, wie Phänomene wahrgenommen und beschrieben werden.

Im Grunde eigne ich mich schlecht dafür, hier Ursachenforschung zu betreiben, weil ich selber gern und viel netzpolitik.org lese und auch andere Nachrichten-Websites mit netzpolitischen Inhalten. Warum andere Frauen das nicht machen, kann ich also auch nur raten. Ich habe trotzdem versucht zu übersetzen:

Ich glaube, dass mit dem Bezug zum Alltag, zum eigenen Leben, der ‘Reflektion zum eigenen Leben’ gemeint ist, offene Fragen auch mal offen stehen lassen zu können. Lasse ich mir beim Schreiben in die Karten gucken? Lasse ich erkennbar werden, wo ich selbst nicht genau weiß, was ich politisch für richtig halte? Will ich dazu eine Diskussion mit den LeserInnen? Das ist unter Männern, oder in männlich geprägten Umgebungen schwieriger, weil da jede gezeigte Schwäche für einen Angriff gut ist. Die Kommentare lassen da keinen Zweifel. Wenn ich so schreibe, dass keine Frage offen bleibt und ich deutlich signalisiere, dass ich genau weiß, wo es lang geht, puste ich ordentlich die Backen auf, oder die Schultern, je nachdem. Ein typisch männliches Bild, nicht umsonst. Das, was als deutsche Blogosphäre gilt und ja sehr männlich ist (allein der Personen wegen, die da als relevant gelten), lässt wenig Alternativen zu: gut ist, wer cool ist, wer erfolgreich ist, wer die Backen ordentlich aufpustet. Und sagt, wo’s lang geht.

Bei Sammelmappe habe ich versucht, ein bisschen genauer zu beschreiben, was den Zugang zu netzpolitischen Themen vielleicht attraktiver machen könnte:

Viel vom bis hier Gesagten würde erklären, warum sich Frauen ™ nicht für Nachrichten, Zeitungen, Themen interessieren. Das kommt mir ein bisschen zu einfach vor. Dass das vielen Frauen so geht, kann ich nicht von der Hand weisen, aber wenn das der Hauptgrund wäre, dann müsste viel weniger Journalistinnen geben (zum Beispiel). Und da ist der Unterschied ja nicht annähernd so eklatant. Nun gehört zum guten Journalismus in der Regel auch ein bisschen Story, also die eine oder andere Person, deren Geschichte verdeutlicht, warum XY ein Problem ist.

Helga Hansen hat gleich zweimal gebloggt und noch andere Aspekte genannt:

Immer wieder habe ich bisher die Angst gehört „nachher sage ich was falsches und alle halten mich für blöd“ (im schlimmsten Fall wird daraus die Sippenhaft „alle Frauen sind so blöd“). Auch hier greift das alte Problem, dass Frauen ihre Kenntnisse oft deutlich unterschätzen und im schlimmsten Fall die Brötchen für die Demo schmieren, statt eine Rede zu halten.

Warum sollte es im Netz anders sein als im sonstigen Leben: das jeweilige Redeverhalten spielt eine Rolle. Männer neigen dazu, alles zu kommentieren, Argumente anderer als die eigenen darzustellen und dabei schon Gesagtes zigmal zu wiederholen. Und sich immer wieder aufeinander zu beziehen – die berühmten Seilschaften. In der Blogosphäre wird genau das belohnt: je mehr Bezüge untereinander, desto wichtiger (Code is law, und wer macht den?). Frauen finden das entweder langweilig und uninspirierend oder aber lassen sich von dem Bluff so beeindrucken, dass sie den Eindruck haben, nichts Wichtiges zum Thema sagen zu können. Und gehen.

Nochmal Helga, ein paar Tage später:

Außerdem reizt alleine die Aussicht, netzpolitik.org könne sich ändern, die Kommentatoren. Da wird dem Blog zusgeschrieben, nüchtern, sachlich, themenbezogen und unaufgeregt zu sein. Und all das in Gefahr gesehen. Denn Frauen sind anscheinend das Gegenteil von Männern und damit unvernünftig, emotional, aufgeregt und bestimmt auch irgendwie unsachlich.

Dass illustriert vielleicht am besten, was Claudia Kilian mit dem „männlichen Stallgeruch“ meint. Frauen müssen beweisen, dass sie entgegen dem Stereotyp unaufgeregt und sachlich sind, um mitreden zu können und ernst genommen zu werden. Am besten jede einzeln für sich, während jedes „Versagen“ für das ganze Geschlecht gezählt wird. Eine im Zweifelsfall unlösbare Aufgabe. Es gibt kein Diplom in Sachlichkeit, keinen Messbecher für Aufregung.

Sie hat auch ein paar ganz praktische Veränderungsvorschläge gemacht, nachzulesen bei den Femgeeks.

Ich glaube, eine Rubrik Feuilleton täte netzpolitik.org gut. Die Möglichkeit, etwa die Frage auch mal im Raum stehen lassen zu können, ob Anonymität wirklich immer für alle das Beste ist, wäre ein Gewinn. Ich verstehe die Vorbehalte, warum die Frage unmöglich öffentlich gestellt werden kann. Die Headline „Beckedahl jetzt für Klarnamenzwang“ will auch niemand. Andererseits ist Anonymität ein Problem für Frauen, die von Stalkern bedroht werden. Eng verwandt ist z.B. die Impressumspflicht mit Wohnadresse: ein Riesenproblem vor allem für Frauen, die von gewalttätigen Ex-Männern bedroht werden oder anonyme Vergewaltigungsdrohungen bekommen (aber nicht nur für die). Leider ein völlig vernachlässigtes netzpolitisches Thema. Sowas könnte im „Feuilleton“ aber ganz in Ruhe besprochen werden, ohne gleich die (absolut nötige) politische Klarheit ins Wanken zu bringen.

Da könnte dann auch gleich mal wieder die Frage gestellt werden, wie die Kommentare zu moderieren sind: alles stehen lassen, was nicht strafbar ist, führt dazu, dass ganz viele nicht mehr mitlesen, denen die Schlammschlachten der Couchpotatoes den letzten Spaß verderben. Müssen Kommentare ein pädagogisches Projekt werden, oder müssen sie „zensiert“ werden, oder gehört eine große Warnung oben drüber, dass ab hier das Heise-Forum beginnt, weil alles stehen bleibt?

So, wie es jetzt ist, kommen viele Frauen (und sicher Männer) einmal vorbei und danach nie wieder. Da kann man dann 5x sagen, dass das doch nur die Kommentare sind, aber wer im Netz nicht des Jobs oder der Reputation wegen unterwegs ist, hat wenig Motivation, Websites öfters zu besuchen, die ein unangenehmes Klima verbreiten. Aus „Offen für alle“ wird so klammheimlich „Offen für Nervbacken“ – wieviel psychologisches Gespür dafür nötig ist, wissen inzwischen Millionen von Community-ManagerInnen.

Für andere ist das Problem nicht der aggressive Tonfall, sondern vielleicht der Insider-Jargon. Wenn viel Wissen vorausgesetzt wird, ist es für ‚Neue‘ nicht einfach, einen Zugang zu finden.

Bei netzpolitik.org gab es dann einen Folge-Artikel: Wie kann Netzpolitik für Frauen interessanter werden? – Vorläufiges Resümee. Andrea Jonjic versucht ein bisschen zusammenzufassen, was es für Reaktionen gab. Sie teilt das in Layout, Inhaltliches, Kommentarkultur, Sichtbarkeit der Autorinnen und Kooperationen mit anderen Blogs ein und schreibt: Es

.. handelt sich hier nicht um einen Austausch a la “Was ist das Problem? Aha. Ok, gefixt” (auch wenn das so rübergekommen sein mag), sondern um einen Prozess.

Gut, dass es ihn gibt. Ich bin sehr neugierig, wie sich das weiter entwickelt.

Letzten Samstag habe ich dazu kurz was bei Radio Trackback gesagt (mp3, 56mb, ab Minute 21:45), leider war die Zeit echt ein bisschen zu knapp – einer der Gründe, warum ich mich jetzt hier nochmal so ausbreite.

Im übrigen hat das Thema noch zwei Grundprobleme: die Umfrage war nicht repräsentativ, d.h. niemand weiß, wie hoch der Prozentsatz wirklich ist – kann ja auch sein, dass sich prozentual viel mehr Männer an der Umfrage beteiligt haben. Und: weil wir nicht wissen, wer nicht liest, können wir nur vermuten, warum das so ist. Und natürlich haben alle unterschiedliche Vermutungen.

Insofern sind also die Kommentatorinnen bei Sammelmappe eine Goldgrube, weil sie erklären, warum sie nicht lesen bzw. sich nicht für Netzpolitik interessieren. Und mich würde weiterhin sehr interessieren, warum Ihr

  • netzpolitik.org nicht lest oder
  • Euch nicht für Netzpolitik interessiert

Vor allem, wenn Ihr Frauen seid. Erklärungen von anderen, warum Frauen Netzpolitik nicht mögen, gibt es ja schon genug.

 

 

Disclaimer: Wie immer sind mit „Männern“ nicht alle, sondern die meisten Männer und mit „Frauen“ nicht alle, sondern die meisten Frauen gemeint. Inklusive aller, die sich mit den jeweiligen Beschreibungen am besten getroffen fühlen.

Disclaimer 2: Ich bin theoretisch auch netzpolitik.org-Autorin, habe bisher vor allem aus Zeitmangel aber nur einen einzigen Artikel geschafft.

Das Bild ist von Yarnivore / Flickr und hat eine CC-BY-NC-SA-Lizenz

Speakerinnen 2.0 – 2. Anlauf für eine neue Plattform

Es wird einen neuen Anlauf geben, die schon existierende und viel genutzte Speakerinnen-Liste zu verfeinern. Hintergrund: bei vielen Panels und Konferenzen und Podcasts und Sendungen sprechen viel weniger Frauen als repräsentativ wäre.

Wenn das kritisiert wird, liegt es immer daran, dass keine geeigneten Frauen gefunden wurden. Um dem abzuhelfen, gibt es die Liste. Aus verschiedenen Gründen ist sie verbesserungsfähig. Nach einem Gespräch nachts bei Twitter gab es Anfang November einen Anlauf für Speakerinnen 2.0, der krankheitsbedingt ausfiel. Hier nachzulesen: “Ich habe einfach keine Referentin gefunden!”

Deswegen jetzt nochmal:

Am Mittwoch, den 5. Dezember
um 20 Uhr
im Partizip Futur, Wattstr. 10 in Berlin

wollen wir anfangen, an Speakerinnen 2.0 zu arbeiten.

CC-BY: Kathy Meßmer und Sonya Winterberg

Warum?

  • Weil wir uns nicht mehr den Mund fusselig reden wollen, dass es genug kompetente Frauen gibt
  • Weil wir glauben, dass die alte Liste verbessert werden kann und die neue
    • sich nicht primär auf Netzfeminismus beziehen,
    • besser durchsuchbar sein,
    • mehr Features haben (Referenzen, Tags, Themen),
    • Lesestoff dazu anbieten, wie es besser geht,
    • gute und schlechte Beispiele zeigen soll
  • Weil wir denken, dass eine eigene Website dafür hilfreich ist
  • Weil wir Frauen ermutigen wollen, zu sprechen
  • Weil wir mehr kompetente Frauen auf der Bühne und am Mikro sehen wollen

Wer daran praktisch mitarbeiten will, ist herzlichst willkommen!

Wir suchen:

  • TexterInnen
  • DesignerInnen
  • FotografInnen
  • Datenbank-KönnerInnen
  • Website-BauerInnen
  • ein bisschen Geld – also neben Spenden gern auch Antrag-SchreiberInnen (oder BewilligerInnen!!)
  • Ideen-HaberInnen (es gibt sicher noch mehr als die oben genannten Dinge, für die Speakerinnen 2.0 gut sein könnte)

Bei Bedarf wird es die Möglichkeit geben, von zuhause teilzunehmen etwa per Skype oder Google-Hangout: bitte meldet das rechtzeitig an inkl. Eurer technischen Präferenzen, z.B. hier in den Kommentaren oder per Mail an mich.

Es gab beim ersten Versuch schon eine Menge Interesse – wir hoffen auf einen fulminanten Start! Sekt und Selters sind selbstverständlich inbegriffen.

Wer die Entstehung im Detail nachlesen möchte:

 

Bild: Flickr, by norfolkdistrict, CC-Lizenz

„Ich habe einfach keine Referentin gefunden!“

Der ewige Dauerbrenner „Keine bzw. kaum Frauen als Referentin oder sonst Vortragende bei Konferenz #wichtig12“ fand am Wochende seine x-te Fortsetzung. Der Journalistinnenbund schrieb deswegen einen pampigen Offenen Brief an die OrganisatorInnen des Mainzer Medien Disputs.

Sehr geehrter Herr Prof. Leif,

herzliche Gratulation zur programmlichen Gestaltung des diesjährigen MainzerMedienDisputes – und zur Auswahl Ihrer Gäste auf den Podien.

Wir freuen uns, dass es Ihnen durch fundierte Recherche gelungen ist, die Panelrunden aus konsequent männlicher Sicht zu besetzen. … (pdf)

Die waren darauf sehr beleidigt

Wir, die Organisatoren des Mediendisputs, haben den „offenen Brief“ des Journalistinnenbundes mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen. Der „offene Brief“ erweckt den Eindruck, dass es dem Journalistinnenbund nicht um das Anliegen der Frauen sondern um persönliche Profilierung geht.

Sonntag vormittag war die Geschichte Thema meiner Twitterwelt. Die Empörung hielt sich in Grenzen, irgendwann erschöpft sich das Thema wahrscheinlich. Die Frage „Was tun“ ist auch nicht erquicklich. Antje Schrupp finde, es sei nicht unser Job.

Wer Frauen als Speakerinnen will, muss sie sich selber suchen und sein Konzept überdenken.

Das hat sie später in einem eigenen Blogpost noch ausgeführt: Kurz meine fünf Zent zum Mainzer Männer-Medien-Disput. Ich finde ihre Gedanken wie immer an sich richtig, aber nicht uneingeschränkt alltagstauglich, jedenfalls nicht für meinen Alltag. In dem gibt es nämlich sehr regelmäßig entweder Vorkommnisse wie beim Mainzer Medien Disput und da stimme ich Antje zu: denen ist nicht zu helfen. Wobei ich mich über alle freue, die es trotzdem versuchen – wenn ein bisschen Gewicht dahinter ist, um so besser, aber allein sicher völlig aussichtslos. Oder aber ich stoße auf durchaus gutwillige Frauen wie Männer, die zu ihrem Spezialthema wirklich keine Frauen finden, oder nur welche, die absagen, oder gar ihre männlichen Vertreter schicken.

Ich gestehe denen zu, dass das ein Problem ist. Nicht wirklich meins, aber das Ergebnis stört mich trotzdem, denn der allgemeine Eindruck, dass es keine kompetenten Frauen gäbe, ist schon ein Problem – für mich, andere Frauen und Männer und Kinder. Ich gerate also in solche Gespräche, inzwischen durchaus auch, weil ich von Dritten als dauerprotestierende Expertin für Frauenmangel herangezogen werde. Und soll dann die Lösung des Dilemmas aus dem Ärmel ziehen. Habe ich natürlich nicht.

Ich kann auch keine Expertinnen backen, wo es keine gibt. Ich bin andererseits aber fest davon überzeugt, dass es auch im realen Leben Filterbubbles gibt, also das Phänomen, dass ich nur sehe, was ich sehen will bzw. kenne. Die ewigen selben drei Experten zum Thema XYZ. Man will ja auch wen Bekanntes da sitzen haben, ein Perpetuum Mobile, denn wer bekannt ist, wird immer bekannter. Die kluge Post-Doktorandin oder experimentierfreudige Denkerin oder Macherin hingegen hat keine Chance. Und zudem ganz anderes zu tun – „Wir haben ganz offen eingeladen, es hat sich einfach keine (an)gemeldet / beworben / was eingereicht“. …

Kalter Kaffee. Wer Frauen will, muss sie suchen und einladen. Engagiert.

Das war der Auftakt für das Twitter-Gespräch: Die durchaus praktische „Speakerinnenliste“ von Netzfeminismus.org reicht nicht. Nötig sind mehr Themen, mehr Expertise, bessere Durchsuchbarkeit.

Was fehlt: Beschäftigung mit der Frage, wie Frauen gefunden werden können, wenn die zwei Passenden abgesagt haben

Antje, wie gesagt, fand, das sei nicht unser Job. Mein Interesse ist nicht, irgendjemandes Job zu machen, sondern eher mein Leben zu erleichtern, wenn ich auf eine Website verweisen kann, wo jede Menge kompetente Frauen zu finden sind. Dazu Beispiele, wie andere an das Thema herangehen, und außerdem eine Liste peinlicher Beispiele, wie man’s nicht macht. Da möchte man dann ja hoffentlich auch nicht draufstehen, vielleicht noch mit Prozentangabe von Frauen an allen Vortragenden..

Das fand Interesse. Spontan geäußerte Vorschläge: nur soviele Männer einladen, wie Frauen gefunden wurden. Verschiedene Verweise auf gute Beispiele:

Es gab Angebote zu sprechen

ich würde ja zu ziemlich vielen Themen sprechen, aber ich sehe nicht, warum ich mich anbieten sollte wie sauer Bier (@habichthorn)

zu helfen

Gutes Thema, klinke mich da gerne mit ein. Hab Erfahrung aus der DJ-Szene wo es in den 90ern ja auch genau darum ging (@Barbnerdy)

Ich bin gern dabei. Wie wäre es denn einfach mal mit einem Live-Treffen von Interessierten in Berlin #startschuss (@tanjaries)

und zu vernetzen

wäre so eine Speakerinnendatenbank nicht auch was für die #dmw? Zwar beschränkt auf digital, aber ein Anfang // @CarolinN (@kommanderkat)

Die Idee einer neuen Website nahm ein bisschen Form an, auch mit kreativen Elementen

mir schwebt ne Seite vor, auf der groß übliche Verdächtigen abgebildet sind & wenn man draufklickt kommen weibl. Alternativen 🙂 (@totalreflexion)

ja. ich helf da auch gern. Ob man dafür Gelder bekäme, um das richtig groß umzusetzen? (@totalreflexion)

Es folgte das Unvermeidliche: ein Doodle zur Findung eines freien Abends, an dem das alles genauer besprochen werden kann. Das gibt es jetzt, für alle, die das nicht nur diskutieren, sondern was machen wollen: eine Website basteln, Texte schreiben, Anträge schreiben, Referentinnen finden und sortieren und findbar machen, ein passendes Design entwickeln, evtl. eine Datenbank..

Macht mit – tragt Euch ein, kommt, und wenn Ihr nicht in Berlin seid, machen wir ein Hangout oder was auch immer Beteiligung von anderswo ermöglicht.

Mein Traum wäre, dass es anfangs aufwendig ist und sich dann weitgehend von selbst erledigt und vor allem, dass ich nicht mehr erklären muss, wo die Frauen für die Panels denn herkommen sollen.

Zwei Tage später fand ein #nfbb – Netzfeministisches Biertrinken in Berlin – statt, wo das natürlich weiter Thema war. Dabei ging es u.a. darum, dass der Ansatz ‚Ich habe ein Konzept und suche die passende Frau dafür und wenn ich sie nicht finde, nehme ich einen Mann, der findet sich sowieso‘ schon falsch ist. Ausgehend von der Annahme, dass ein Podium, das nur mit weißen deutschen Akademikern besetzt ist, einen viel zu kleinen Teil der möglichen Perspektiven auf ein Thema darstellt, ist mehr nötig als herumzufragen, ob für Position xy eine Frau existiert. Vielmehr müsste nach kompetenten Frauen Ausschau gehalten werden und gefragt werden, was sie zum Thema beitragen können. Es gibt tatsächlich Konferenzen, bei denen das praktiziert wird.

Etwa analog zur wissenschaftlichen Fragestellung: wenn ich vorher schon weiß, was ich rauskriegen will, wird nichts Neues herauskommen. Wenn ich erst die Frage entwickle, dann die Methoden und tatsächlich forsche, lerne ich vielleicht etwas.

Passt schlecht zu 95% der hierzulande organisierten Konferenzen, aber bekanntlich sind die mehrheitlich .. ja auch nicht wirklich überraschend.

PS:

As predicted by Courtney’s description above, we got the entire host of responses. We came prepared though.

I’m not an expert on anything.”, “I don’t work on anything interesting at the moment.

— We offered a brainstorming session, a 10-minute chat, an hour long phone call, whatever was required. It turns out that there’s something of interest hidden in everybody, but self-censoring often keeps it hidden. In the right conversation, these things will emerge. It might turn out that the result is not something that is relevant for your event, but more often than not it is. And even then, we ended up suggesting other events to submit a proposal to.

I only know what everybody else already knows.”, “I wouldn’t be able to add anything worthwhile to the topic.

— Everybody is a unique snowflake. You have your own interests, projects you follow, philosophies that inspire you, people you admire. The combination of all these things gives you a unique perspective on the world. And more often than not, that perspective is worth sharing.

JSConf EU (October 6th-7th, Berlin)

Way to go.

 

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