20 Jahre Indymedia – Ein anderes Internet schien möglich

(Zuerst bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlicht)

«The resistance is global… a trans-pacific collaboration has brought this web site into existence.»

So begann der erste Eintrag auf einer Indymedia-Website am 24. November 1999. Indymedia ging wenige Tage vor den Protesten gegen die Tagung der Welthandelsorganisation WTO in Seattle online, und sollte die alternative Plattform für Berichte über eben diese Proteste sein. Seit einigen Jahren wuchs die Anti-Globalisierungsbewegung, die sich vor allem gegen Deregulierung des Welthandels, gegen Freihandelsabkommen und den Abbau sozialer Rechte richtete, die bei Gipfeln wie den WTO-, G7, IWF- und Weltbanktreffen verhandelt wurden. In dieser Zeit wurde Attac gegründet, und es gab einen starken Bezug zum Aufstand der Zapatistas in Mexiko, die 1996 und 1997 zu «Interkontinentalen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit» eingeladen hatten. Auch in Deutschland gab es 1999 heftige Proteste gegen die EU- und  G7/G8-Gipfel in Köln: Zentrale Forderung war die Entschuldung der Länder des globalen Südens.

Parallel zum Wachsen dieser Bewegung entwickelte sich in Australien etwas ganz anderes: eine Software, die es möglich machte, schnell und ohne weitere Vorkenntnisse Texte, Bilder, Videos und Audiodateien im Web zu veröffentlichen. Eine der ersten interaktiven Web-Anwendungen mit der Möglichkeit zum «Open Publishing» war entstanden – bislang gab es weder Wikipedia noch Blogs, Social Media noch lange nicht. Wer im Netz veröffentlichen wollte, musste wissen, wie HTML-Seiten «gebaut» und wie Server administriert werden, oder musste sich auf das Usenet und erste Foren beschränken. Oder die Möglichkeit haben, auf den ersten Websites von Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen.

Open Publishing, die Möglichkeit, eigene Beobachtungen, Berichte, Meinungen einfach per Formular online zu veröffentlichen, hat die Welt der Medien auf den Kopf gestellt. Heute ist nichts selbstverständlicher, als spontan Bilder, Texte, Videoclips bei Facebook, YouTube, TikTok zu posten und per Twitter weit zu verteilen. Wer Ende der 90er etwas mitzuteilen hatte, brauchte dazu gute Beziehungen zur AStA- oder Lokalzeitung, sonst blieb nur der Leserbrief. Das war mit einem Schlag anders.

Und so setzte der erste Eintrag fort:

«The web dramatically alters the balance between multinational and activist media. With just a bit of coding and some cheap equipment, we can setup a live automated website that rivals the corporates. Prepare to be swamped by the tide of activist media makers on the ground in Seattle and around the world, telling the real story behind the World Trade Agreement.»

(Das Web verändert die Balance zwischen multinationalen und aktivistischen Medien dramatisch. Mit ein bisschen Code und etwas billigem Equipment können wir eine automatisierte Live-Website aufsetzen, die den Unternehmen Konkurrenz macht. Bereitet Euch darauf vor, überschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer Medienmachender*innen vor Ort in Seattle und überall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsvereinbarung erzählen.)

Der 24. November 1999 in Seattle

In Seattle diente die gerade rechtzeitig vor dem Gipfel fertiggestellte erste Indymedia-Website zunächst dazu, den vielen Reporter*innen, Fotograf*innen und Videofilmer*innen eine Online-Plattform zu geben, die gekommen waren, um über die Proteste zu berichten. Indymedia, Kurzform für «Independent Media Center» (IMC), war eine spontan entstandene Redaktion vor Ort, in der Material und Informationen ausgetauscht, gemeinsam bearbeitet und online gestellt wurden.

Die Notwendigkeit dazu entstand, weil Berichte über Proteste und Demonstrationen von etablierten Medien in der Regel erst veröffentlicht wurden, wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam – das ist heute meist nicht anders. Über friedliche Demos, kreative Aktionsformen oder einfach die Gründe, warum Menschen auf die Straßen gingen, fanden sich viel seltener Berichte. Und wenn‘s dann doch geknallt hatte, dominierten die Erklärungen der Polizeipressesprecher*innen.

Indymedia-Websites veränderten diese Situation: Plötzlich war es nicht mehr nötig, die wenigen wohlwollenden Journalist*innen zu finden, mit Infos zu füttern und zu hoffen, dass irgendwas davon tatsächlich in der Zeitung landete. Aktivist*innen wurden zu Medienaktivist*innen, trugen Bilder und Texte zusammen und veröffentlichten sie einfach selbst.

Das IMC in Seattle war ein Riesenerfolg: Die Seite hatte in einer Woche 1,5 Mio. Besucher*innen und übertraf damit selbst CNN.

Die Indymedia-Software scheint heute banal, aber vor 20 Jahren war sie eine technische Revolution: Texte und Bilder konnten mit einfachen Web-Formularen hochgeladen und mit einem Klick veröffentlicht werden, viel schneller als jede Zeitungsredaktion. Bei Gipfelprotesten hatten die Unabhängigen Medienzentren viel mehr Material zur Auswahl: Viele Aktivist*innen lieferten Informationen, eigene Texte und Bilder, die dann zu Überblicksartikeln zusammengesetzt wurden. Wie gesagt: Es gab weder Blogs noch Facebook und selbst Wikipedia musste erst noch erfunden werden. Ich habe selbst in den ersten Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten erlebt, dass die wenigen Reporter*innen etablierter Medien im Durcheinander den Überblick verloren und schließlich im Newsroom von Indymedia anriefen, um herauszufinden, was gerade wo passierte: niemand sonst hatte annähernd so viele Leute auf der Straße.

Nach dem WTO-Gipfel in Seattle 1999 entstanden temporäre IMCs samt eigener lokaler Indymedia-Website in rasender Geschwindigkeit auf allen Kontinenten. Im Jahr 2004 gab es über 150 Indymedia-Gruppen; davon mit Abstand die meisten in Nord-, Mittel-, Südamerika und Europa und jeweils ein bis zwei Handvoll in Afrika, Asien und Australien/Ozeanien.

Der Start von Indymedia in Deutschland

Mein erster Kontakt mit Indymedia fand während der Proteste gegen die IWF-/Weltbank-Tagung 2000 in Prag statt. Auch hier gab es eine eigene Website – die erste in Europa.  Selbstverständlich hatte niemand auf der Straße in Prag Mobiltelefone oder Laptops dabei, aber um nicht nur den Rest der Welt, sondern auch die Menschen vor Ort zu informieren, gab es in Prag (so wie auch sonst später üblich) sogenannte «Print-Ausgaben». Sie enthielten Zusammenfassungen der Online-Inhalte, die in verschiedenen Sprachen an Aktivist*innen und die lokale Bevölkerung verteilt wurden.

Indymedia Deutschland entstand ein Jahr später: nach ein paar Monaten der Vorbereitung und einigen überregionalen Treffen ging der deutsche Ableger des Indymedia-Netzwerks im März 2001 mit einer eigenen Website online. Anlass war ein Castor-(Atommüll-)Transport ins Wendland. Die erste deutsche Redaktion traf sich in der Scheune eines alten Bauernhofs, Kameras waren rar und die Bilder mussten per Speicherkarte zu den Rechnern in die Scheune gebracht werden: Die Versorgung mit ausreichend Bandbreite nur für die lokalen IMC-Stationen in den Camps der Aktivist*innen erforderte noch viele Jahre monatelange Planung.

Nach dem intensiven Auftakt im Wendland begann der Alltagsbetrieb der Website de.indymedia.org, die bis heute online ist. Es gab keine ständige Redaktion, stattdessen fand  Kommunikation und Organisation über Mailinglisten, IRC-Chats und gelegentliche Treffen in verschiedenen Städten statt. Dabei zeigte sich schnell, dass Indymedia auf zwei Säulen stand, die sich in einem ständigen Spannungsverhältnis befanden: Einerseits verstand sich das Indymedia-Netzwerk als Sprachrohr progressiver Bewegungen: es entstand parallel zu Gipfelprotesten und dort befanden sich temporär auch ganz reale physische Orte, an denen Medienaktivist*innen zusammenkamen, um Gegenöffentlichkeit zu realisieren. Andererseits war es ein Projekt, für das die Grundprinzipien des freien Internets zentral waren: Offenheit, Transparenz, Kollaboration, Partizipation – und damit war per se erstmal keine spezifische politische Aussage verbunden.

Ohne sich je physisch getroffen zu haben, entwickelte das internationale Netzwerk grundsätzliche Prinzipien und Kriterien für die Mitgliedschaft neuer Gruppen im Netzwerk. Es entstanden (virtuelle) Arbeitsgruppen für die Verwaltung von Servern und Debatten über Software (die in jedem Fall freie Software sein musste), für Übersetzungen, für Diskussionen über neue Mitgliedsgruppen, Grundlagen der Entscheidungsfindung und für die Finanzen. Indymedia bekam Spenden, die größte 2002 von der Rockband Chumbawamba, die die Hälfte der Einnahmen des Verkaufs eines Songs an General Motors an Indymedia spendete – immerhin 35.000 US-Dollar. Auch die Frauen der IMC-Gruppen hatten eine gemeinsame internationale AG, die früh durchgesetzt hat, dass nur die Teil des globalen Netzwerks werden konnten, die einen angemessenen Frauenanteil in den Gruppen hatten und auch sonst auf Diversität achteten.

Alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen, es gab für alles ein Veto-Recht und damit war alles nur möglich, wenn alle einverstanden waren. Ein gigantisches Internet-Demokratie-Projekt, das mit denselben Schwierigkeiten kämpfte, die das Netz bis heute beschäftigen.

Free Speech vs. Nazis raus

Vor allem aus den USA wurde der Fokus auf Meinungsfreiheit betont: alle können mitreden, alle haben die Gelegenheit sich zu beteiligen, niemand wird ausgeschlossen, alles wird veröffentlicht. Wer nicht einverstanden ist, kann die Kommentarfunktion nutzen, um die eigene Perspektive darzustellen.

Viele der europäischen Gruppen wollten antidemokratischen Stimmen keine Plattform bieten und zogen eine Moderationsgrenze ein: So erklärte das deutsche «Mission Statement», de.indymedia.org solle «keine Plattform für menschenverachtende, sexistische, rassistische, rechtsradikale u./o. totalitäre Beiträge jeder Art» sein. Erst nach monatelangen Diskussionen wurde entschieden, dass die deutsche Gruppe trotz dieser klaren und beabsichtigten Einschränkung des Open-Publishing-Grundsatzes Teil des Netzwerks werden durfte.

Überhaupt, die Kommentarfunktion.

Genau genommen ist sie ein einziges Missverständnis. Erfunden wurde die Kommentarfunktion, damit unter den veröffentlichten Inhalten von anderen ergänzt werden konnte, was fehlte oder anders gesehen wurde. Tatsächlich war sie auch bei Indymedia mehr oder weniger von Anfang an eine bunte Trollwiese: Beschimpfungen, Verleumdungen, rechte Hetze und persönliche Angriffe beschäftigten die (immer unbezahlt in der Freizeit aktiven) Moderationsteams weit mehr, als sich irgendwer ausgemalt hatte. Ein Versuch, das zu korrigieren, war die Umbenennung der Kommentare in «Ergänzungen», um deutlicher zu machen, dass hier zusätzliche Fakten gefragt waren, und weniger Meinung. Im nächsten Schritt wurden eingehende Kommentare unterteilt in inhaltliche Ergänzungen zum Text und andererseits – alles andere. Erstere wurden gut sichtbar zuerst dargestellt, alles andere blasser, kleiner und mit eingeklapptem Text darunter. Eine Lösung, die sich bedauerlicherweise sonst nirgends durchgesetzt hat, ich halte sie weiterhin für einen sehr sinnvollen Beitrag zu einer konstruktiven Diskussionskultur im Netz.

Spätestens seit dem Verbot des später gegründeten lokalen Projekts Indymedia Linksunten [1] assoziieren viele Menschen in Deutschland Indymedia mit Linksextremismus, Antifa oder jedenfalls einer sehr kleinen Subkultur. Das war nicht immer so: 2002 bekam Indymedia Deutschland von «Politik Digital» Indymedia als «hervorragende Initiative im Bereich eDemocracy» den Poldi-Award für Wissenschaft, Bildung und Kultur – in der Jury saß u.a. die spätere Justizministerin Zypries. (Nicht alle fanden das gut).

Die Hochzeit der IMCs war nach nicht mal zehn Jahren vorbei. Kommerzielle Plattformen waren entstanden, die das Hochladen von Fotos und Videos viel einfacher und ansprechender anboten, es gab erste Blogs, die vielen ermöglichten, sich mit wenigen Klicks eine individuelle Website einzurichten, und schließlich kamen Facebook und Twitter, alles (scheinbar) umsonst. Viele der Bewegungen, die Indymedia hervorgebracht haben, gibt es in der Form nicht mehr. Stattdessen ist die Kritik der «Mainstreammedien» Bestandteil des Instrumentenkastens der neuen und alten Rechten geworden. Ganz offensichtlich hat der Zugang zur Produktion von Medien allein nichts Emanzipatorisches, wenn das Ziel nicht gleichzeitig auch ein herrschaftskritisches ist.

Inzwischen verschwinden die umfangreiche Archive des wohl größten aktivistischen Online-Nachrichten-Projekts langsam aus dem Netz: viele Gruppen haben sich lange aufgelöst, und auch die Techies, die die Infrastrukturen gepflegt haben, hatten irgendwann besseres zu tun. Dabei gäbe es hier noch viele Schätze zu heben: Bewegungsgeschichte, Medientheorie (und -praxis), Internationalismus.

Dennoch gibt es weiterhin einige unermüdliche Indymedia-Gruppen, die eng mit sozialen Bewegungen verflochten sind und ihren Communities wichtige Dienste leisten und das ist gut so.

Weiter online sind: Argentinien | Niederlande | Mexiko | San Francisco Bay Area | Lille | Brasilien | Brüssel | Guatemala | Irland | Nantes | Boston | Barcelona | Germany | LA | Santa Cruz | Ecuador | Rosario

(Ohne Anspruch auf Vollständigkeit)


[1] Das Projekt linksunten.indymedia.org entstand 2008 als lokaler Ableger, dieses Projekt wurde 2017 nach Vereinsrecht verboten und klagt zurzeit gegen dieses Verbot. Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Betreiber*innen wurde im August 2019 eingestellt. Das Urteil wird im Frühjahr 2020 erwartet.

George (T)Orwell über Cyber-Neusprech

Das Team hinter der Anonymisierungssoftware Tor hat beim 32. Kongress des CCC beim Vortrag über den Stand der Dinge bei Tor ein gut gemachtes Video präsentiert, das mit ein paar Mythen aufräumt:

Es gibt Untertitel in mehreren Sprachen, unten rechts in den Einstellungen auswählbar.

Orwell spricht zu uns aus der Vergangenheit und ist erwartbar entrüstet:

Das Internet ist keine virtuelle, sondern ganz wirkliche Realität. Wenn wir nicht zulassen würden, dass Diktaturen vorschreiben, mit wem wir kommunizieren, dann gilt das genau so für Internet-Zensur. Die Einschränkung der Netzneutralität ist nichts anderes, als wenn wir alle unsere Informationen aus dem privaten Kabel-Fernsehen bekämen.

Würden wir zulassen, dass die Gedankenpolizei alles aufzeichnet, was wir tun, wohin wir gehen, alles, was wir lesen und damit in unsere Köpfe gucken? Nichts anderes ist die Vorratsdatenspeicherung.

Die Unterscheidung von „online“ und „echtem Leben“ ist Neusprech, es gibt keinen „Cyberspace“.

Digitale Rechte sind nichts anderes als allgemeine Menschenrechte.

Und was den Blödsinn angeht, Ihr hättet nichts zu verbergen: da gilt, was Snowden gesagt hat: das wäre dasselbe, als wenn ihr sagt, dass Meinungsfreiheit unwichtig ist, weil Ihr nichts Bedeutendes zu sagen habt.

(Frei übersetzt aus dem Video).

Wunderbar klar zusammengefasst, dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Ein ziemlich knackiges Podium

Vor gut zwei drei Wochen war ich bei einer einigermaßen kontroversen Veranstaltung in Schweden, dem Stockholm Internet Forum. Kontrovers, weil der Cicero 10 Tage vorher schrieb, dass es eine  Liste gebe mit Namen, deren Teilnahme nicht erwünscht sei. Darauf: Edward Snowden, Laura Poitras, Glenn Greenwald, Alan Rusbridger, Jacob Applebaum. Thema der zum 3. Mal stattfindenden Konferenz war Internet-Freiheit und Entwicklung, Teilnahme war nur auf Einladung möglich, und veranstaltet wurde sie vom – konservativ regierten – schwedischen Außenministerium.

In der Folge gab es viel Debatte, ob die Liste eine schwarze Liste war oder doch nur ein normaler Auswahlprozess, bei dem – so das Außenministerium – zum Beispiel Kriterien wie Gender, Herkunft (Schwerpunt war der globale Süden) eine Rolle spielten, oder ob der/die Betreffende schon mal da gewesen war. Das gesamte Hin und Her bräuchte einen eigenen Artikel, aber darum geht es mir hier  nicht in erster Linie.

Die Auseinandersetzung war mit Beginn der Konferenz nicht beendet, im Gegenteil. Bei jeden Panel wurde das Thema angesprochen und was mich beeindruckt hat, war die Abschlussveranstaltung. Vorher gab es einen Kurzvortrag des schwedischen Außenministers, und das Panel, auf dem auch ein Vertreter des US-Außenministeriums saß, beantwortete dann Publikumsfragen. Sowohl die fantastische Moderatorin Julie Gichuru, die anderen Panel-Gäste als auch das Publikum haben die 1,5 Stunden damit zugebracht, Carl Bildt und Christopher Painter mehr oder weniger aggressiv zu attackieren. Ich würde mir einen Bruchteil davon bei Veranstaltungen in Deutschland wünschen.

Gleichzeitig lässt sich aus den Reaktionen der beiden Politiker viel über politische Rhetorik lernen.

Viel Vergnügen:

10 vor 8: Zurück aufs Dorf?

3756818834_0e034d4d48_zIch habe letzte Woche wieder fremdgebloggt, bei Ich. Heute. 10 vor 8.. Es geht um große Fragen (die ich selbstverständlich alle nicht beantworte): Kommunikationskultur im Netz, das Verschwinden der Netikette, Drohungen gegen Feministinnen, das Entstehen von Meinungen und Positionen und ob das Internet sein Versprechen einlöst, mehr Demokratie zu schaffen. Spoiler: ich hoffe es immer noch, aber es schleichen sich hier und da Zweifel ein.

Was nicht drin steht ist, dass ich nicht der Meinung bin, dass ich ab jetzt das Internet schlecht finde, aber offen ist, wie wir hinkriegen können, dass nicht alle weggemobbt werden, die Meinungen äußern, die nicht sofort mehrheitsfähig sind. Außerdem geht es um ein T-Shirt.

Zurück auf’s Dorf?

 

Foto: Jason Hickey/Flickr, CC-BY-Lizenz

Die Netzpolitik der Großen Koalition

trb_icon_144_bigger.. besprach ich heute kurz in der Sendung Trackback von Radio Fritz. Das könnt Ihr hier nachhören, ab exakt Minute 30:00:

Netzpolitik gibt es ja eigentlich nicht, es ist ein Querschnittsthema, das viele andere klassische Politikfelder berührt. Entsprechend war nicht genug Zeit, alles Wichtige auch nur zu erwähnen.

Macht aber eigentlich auch nicht soo viel, weil ja noch gar nicht bekannt ist, was in der UADA (Unterarbeitsgruppe Digitale Agenda) beschlossen wurde – die Dokumente ändern sich immer noch und freuen dann die, die die neuen Fassungen bekommen und veröffentlichen können. Einfacher wäre, wenn sie direkt veröffentlicht würden, aber das geht aus irgendwelchen Gründen nicht.

Ich habe beim Versuch, mir einen Überblick zu verschaffen, allerhand Zwischenstände und Interpretationen gelesen. Bitte schön:

23. November

Thomas Stadler / Carta: Koalition plant DNA-Rasterfahndung

21. November

Ilja Braun / Carta: Aktuelle Koalitionspapiere zu UADA, Kultur- und Wirtschaftspolitik (Update)

Markus Beckedahl / netzpolitik.org: Koa-Leaks: Neues aus #UADA, Wirtschaft sowie Kultur und Medien

Jelka Lerche, und / Zeit Online: Jetzt ein Internetministerium! Mit Infografik

Petra Sorge / Cicero: …hält Schwarz-Rot die Netzpolitik für einen Witz? Interview mit Lars Klingbeil

Digitale Linke: Koalitionsverhandlungen: Unterarbeitsgruppe „Digitale Agenda“ streicht Forderung nach Internetausschuss und Internet(staats)minister

20. November

Ilja Braun / Carta: Die digitale Agenda der großen Koalition

Jan Moenikes: Digitale Agenda für Deutschland 2013-2017: Ein Werkstattbericht (Update)

19. November

Digitale Gesellschaft: Keine Netzneutralität für Mobilfunk; Formulierungen zum Netzwerkmangement lassen viel Raum für Verletzung der Netzneutralität; DPI-Reglungen zu schwammig

Halina Wawzaniak: Ein Blick auf die Digitale Agenda einer Großen Koalition

Digitale Linke: Digitale Linke veröffentlicht Vorlage zur Netzpolitik aus den Koalitionsverhandlungen

18. November

Patrick Beuth /Zeit Online: Schwarz-Rot entschärft seine Netzpolitik

14. November

Markus Beckedahl / netzpolitik.org: Koalitionsverhandlungen beschwören den Geist von ACTA in Deutschland

24. Oktober

Erik Meyer / Politik Digital: Koalitionsverhandlungen via Twitter? plus Storify dazu, das regelmäßig aktualisiert wird.

Bei Twitter findet Ihr das Thema über den Hashtag #UADA.

Border Check zeigt, wo Daten reisen

Die Browser-Erweiterung „Border Check“ bietet Hilfe bei einer in den letzten Monaten vieldiskutierten Frage: wie bzw. wo bewegen sich meine Daten durch’s Netz? Eng verbunden damit ist die Frage, wie und ob wir kontrollieren können, an welchen Geheimdienst-Anzapf-Stationen unsere Daten vorbeikommen. Wo ist das Netz sicher? Das bewegt ja zuletzt auch die Bundesregierung, die gern ein deutsches oder wenigstens europäisches Netz hätte, in der Annahme, wir hätte noch nie von deutschen Geheimdiensten oder der Idee der Vorratsdatenspeicherung gehört.

Border Check löst das Problem nicht, zeigt aber, wo und an welchen Stationen vorbei sich Daten bewegen. In eigenen Worten:

Border Check illustriert die physischen und politischen Realitäten der Infrastruktur des Internets. (Read me)

Und:

As one surfs the net, data packets are sent from the user’s computer to the target server. The data packets go on a journey hopping from server to server potentially crossing multiple countries until the packets reach the desired website. In each of the countries that are passed different laws and practices can apply to the data, influencing whether or not authorities can inspect, store or modify that data. (Border Check, Centro de Arte y Creación Industrial)

Border Check ist noch nicht ganz fertig, was bedeutet, dass die Add-Ons für Firefox, Chromium, Galeon, Chrome oder Safari (nur OSX/Unix, nicht für Windows) selbst zusammengebaut werden müssen. Die fertigen Add-On-Dateien soll es aber demnächst geben.

Hier wird in nachvollziehbaren Schritten gezeigt, wie’s geht und was Ihr dann mit Border Check sehen könnt.

Hier gibt’s noch Tips und einen Hinweis auf dem IRC-Kanal zum Projekt, wo weitere Fragen gestellt werden können. Border Check ist ein Open-Source-Projekt mit GPL v3-Lizenz.

Die Parteien und die Netzpolitik

Samstag lief wie immer um 14 Uhr bei Deutschlandradio Kultur die Sendung Breitband. Weil parallel die Demo ‚Freiheit statt Angst‘ stattfand, wurde bereits am Freitag eine Stunde dafür aufgezeichnet, zum Them Das Internet Deiner Wahl. Beteiligt waren neben Redaktion und Vera Linß und Markus Richter (Moderation) Steffen Wenzel von politik-digital und ich. Es ging um die Positionen der Parteien zu Überwachung und Datenschutz, zu Netzneutralität und Netzausbau, Urheberrecht und Leistungsschutzrecht und schließlich Open Data.

Zum Nachhören

Oder als mp3 (50mb).

Als Vorbereitung hatte ich gefragt, wo es schon Übersichten, Artikel oder Wahlprüfsteine gibt und da kam eine ganze Menge zusammen. Wenn Ihr also wissen wollt, wie sich die Parteien im Bereich Netzpolitik voneinander unterscheiden, könnt Ihr eine ganze Menge finden:

Zwei Wahlomaten gibt es auch:

  • Netz-Radar, vom Internet & Gesellschaft Co-Laboratory (Google)
  • Wahlcheck, vom Verbraucherzentrale Bundesverband

 

Internet, Politik und Bewegung(en) @ #rp13

Mit ein bisschen Verzögerung ist das Video zum Panel „Das kleine Digitale und das große Ganze. Internetaktivismus, Netzbewegung und Politik“ fertig geworden:

Ausgedacht haben sich das:

Kathrin Ganz | http://iheartdigitallife.de | http://twitter.com/ihdl | https://www.facebook.com/kathrin.ganz und

Hans Christian Voigt | http://www.kellerabteil.org | http://twitter.com/kellerabteil | https://www.facebook.com/kellerabteil | http://www.sozialebewegungen.org

.. denen Ihr folgen solltet, soviel Ihr könnt.

Leider leider fehlt zum Schluss ein Stück, ausgerechnet mein Abschlussstatement mit einem Satz, der ursprünglich von den Zapatisten ist, die schon sehr früh damit angefangen haben, ein politisches Anliegen mit internationalen sozialen Bewegungen mit Hilfe des Internets zu verbinden – 1996 nämlich. Der war dann sogar Titel eines Artikel bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Fragend gehen wir voran!, der mich ansonsten aber ärgert, weil er unterstellt, ich wollte einen DDR-artigen Sozialismus (oder überhaupt einen). Wie das da rauszuhören war, ist mir ein Rätsel, sagt aber vielleicht mehr über den Autoren.

Annika Kremer hat bei Gulli auch darüber geschrieben: Diskussionsrunde über Internetaktivismus, und die Welt war auch da, hat ein paar Zitate gefischt und ansonsten sehr gekonnt geremixt: Netzgemeinde kämpft um mehr Aufmerksamkeit

Schön war, dass das Publikum nach kurzer Aufwärmphase (immerhin war das um 10 Uhr morgens) so viel disktutiert hat. Das hätten wir auch gern noch länger gemacht. Das Feedback hinterher war sehr unterschiedlich. Manchen hat es sehr gut gefallen, mehrfach wurde kritisiert, wir wären zu abstrakt/unverständlich/schwierig gewesen. Das tut mir (den anderen sicher auch) leid, weil ich eigentlich blöd finde, wenn was unverständlich ist. Andererseits ist es bei öffentlichen Veranstaltungen natürlich immer unmöglich, für alle den richtigen Ton zu treffen. Die Veranstaltung war augenzwinkernd, aber schon auch beabsichtigt als „Für Fortgeschrittene“ angekündigt und hat deswegen ein paar Sachen vorausgesetz.

Interessant ist das auch vor dem Hintergrund, dass ich von relativ vielen Leuten gehört habe, dass mehr Talks ein bisschen Vorwissen voraussetzen sollten, weil es sonst langweilig wird.

Jedenfalls: mich würden Meinungen zum Gesagten sehr interessieren, weil wir über vieles geredet haben, was auch sonst im Internet diskutiert wird, aber oft nicht über das Twitter-Niveau hinaus.

Spaß gemacht hat’s auch – macht mehr verschiedene re:publica-Veranstaltungen!

re:publica 2013 Tag 2

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