Wie alles anfing: Eine Stunde über Indymedia und Medienaktivismus

Nicht mehr ganz frisch: Im Juni gab es eine gute Stunde Podcast über die Geschichte von Indymedia und wie das alles anfing mit dem Web 2.0 und aktivistischen Online-Medien, inzwischen über 20 Jahre her.

Ich sprach mit Max Blum für den Podcast der BAG Netzpolitik:

Gespräch über Digitale Souveränität

Ich habe mich eine Stunde mit Herbert Gnauer für das Wiener Radio Orange 94.0 über Digitale Souveränität unterhalten und darüber, um wessen Souveränität es dabei geht und über die Kontroverse, ob dabei staatliche Souveränität gemeint ist oder individuelle.

Außerdem geht es um Verschlüsselung, richtige und falsche Software, digitale Identitäten, die Corona-Warn-App und sogar um Nachhaltigkeit.

Wer möchte, kann das Gespräch hier hören:

Digitale Souveränität – Anne Roth im Gespräch

Die nächste Demo nur mit Luca

Über die LucaApp kann man viel reden.

Ein Argument von Carmela Troncoso halte ich für bedenkenswert:
Erst wird die App in Bars und Konzerten eingesetzt. Super praktisch. Beim Einkauf.

Dann auch in Clubs. Bei Hochzeiten. In der Kirche. Moschee. Synagoge.

Bei Demos. Partys. In Vereinen und politischen Gruppen.

Fühlt sich das immer noch gut an, dass da eine technische Infrastruktur gebaut wird, die – wie jede technische Infrastruktur, die Daten sammelt – Begehrlichkeiten weckt?

Bei der all diese Kontaktdaten auf zentralen Servern liegen, zu denen später doch noch andere Zugang wollen. Wie jedesmal.
Die bessere Alternative ist eine App, die solche Daten nicht sammelt – und trotzdem andere warnt, die zum selben Zeitraum am selben Ort waren. Und die gibt es schon, sie hat nur weder Smudo noch „Anne Will“.

Die Software heißt CrowdNotifier, gibt’s seit letztem Herbst, komplett open source und dezentral. In der Schweiz gibt’s auch die App dazu, „NotifyMe“.
Wenn Steuergelder ausgegeben werden, dann doch besser dafür, dass diese App den deutschen Anforderungen angepasst wird.

Und das wichtigste: Die staatliche Corona-Verordnung muss geändert werden, damit die Orte, an denen Menschen zusammenkommen, nicht gezwungen werden, alle Kontaktdaten zu sammeln. Das ist die eigentliche Ursache des Problems – für das u.a. Luca die Lösung verspricht.

Gewarnt werden können die, die mit anderen an einem Ort waren, wie gesagt, trotzdem: Dazu können dezentrale Apps hilfreich sein.

Wenn nun aber, staatlich bezahlt, gefördert & gefordert, überall die Alternative ist: Entweder Luca – oder gar nicht: Was, denkt Ihr, wird passieren?

Dann werden alle in den Apfel beißen.

Jetzt ist der Moment, darüber zu reden, auch wenn es unbequem ist. Sonst sitzen wir sehr bald mit einer staatlichen Infrastruktur da, deren Nutzung überall die Bedingung für Teilnahme ist und die zentral nachvollziehbar macht, wer wann mit wem wo war.

Ausführlich und sehr gut erklärt übrigens auch im aktuellen Netzpolitik.org-Podcast, darin kommt auch Carmela Troncoso zu Wort und erwähnt dieses Problem.

 

Foto: Gabriele Lässer bei Unsplash

Corona? There’s an app for that!

Screenshot Corona-Warn-App: "Warnende Personen. Gestern 2.970. 7-Tage-Mittelwert 2040. Gesamt 291828. über die Corona-Warn-AppDie Corona-Warn-App wird zunehmend zum Flop erklärt und häufig wird im gleichen Aufwasch Datenschutz als Grund dafür identifiziert. Ich weiß nicht, in wievielen Talkshows, Interviews, Artikeln mir das mittlerweile begegnet ist. Egal, wie oft schon erklärt wurde, dass das nicht stimmt.

Stattdessen: Neue, shiny happy Apps! Ob Datenschutz tatsächlich das Problem ist, spielt keine Rolle. Genausowenig anscheinend die Frage, welche Probleme gelöst werden müssen und ob die jeweiligen Apps dazu tatsächlich geeignet sind. Dafür können die Entwickler*innen am wenigsten – dass sie versuchen, Lösungen für ganz spezifische Probleme zu finden, ist ja an sich nicht schlecht.

Dabei liegt der schlechte Ruf der Corona-Warn-App v.a. daran, dass es eine schlecht designte App ist (mit ursprünglich guter Idee), die zwar teuer war, aber kaum weiterentwickelt wurde. Von privaten Unternehmen, die damit absurd viel Geld verdienen. Dazu die konfuse Kommunikation, in der App und drumherum.

Das Versprechen, dass Apps das Corona-Problem lösen, kam nicht von den Leuten, die wenigstens dafür gesorgt haben, dass die Bundes-Corona-App sicher ist und sensible Gesundheitsdaten möglichst gut geschützt werden. Im Gegenteil ist von ihnen immer wieder zu hören, dass die Grundlagen für verantwortungsvolle Software-Entwicklung im Prinzip ‚Privacy by Design‘ liegt. Das bedeutet nichts anderes, als dass von Anfang an überlegt wird, welches Problem konkret gelöst werden soll und wie das möglichst datensparsam umgesetzt werden kann. Klingt einfach, fehlt leider oft.

Remember? Abstand, Hände waschen, Alltagsmasken – und die App! Dieses magische Heilsversprechen kam u.a. von Spahn, ziemlich von Anfang an. Apps können aber keine Pandemien wegzaubern, wenn das Gesundheitssystem zerbröselt und Bundesländer sich gegenseitig blockieren. Die Gesundheitsämter sind weiterhin zu schlecht ausgestattet und die Inzidenzwerte waren ja ursprünglich mal relevant geworden, weil sie anzeigen sollten, ab welcher Schwelle die Gesundheitsämter beim Nachverfolgen der Infektionsketten nicht mehr nachkämen.

Während jetzt also gerade ein Skandal dem nächsten folgt, soll uns die nächste App retten.

Merkt Ihr selbst.

Benutzt, was ihr wollt, aber ich werde sehr genau darauf achten, ob bekannt ist, wie die jeweilige App funktioniert, welche Daten wo gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat.

Das ist einfach das Minimum, was von Apps geleistet werden muss, die sowohl Gesundheitsdaten verarbeiten als auch, wer wann mit wem wo war. Und wie oft. Es ist kein Hexenwerk, das zu dokumentieren, sondern das sind schlicht die Basics von IT-Sicherheit.

Schließlich wäre ja schon sehr blöd, wenn da hier und da Sicherheitslücken drin wären und all diese Daten plötzlich ganz woanders landen oder manipuliert würden. Shit happens. Und bis das alles fertig ist, komme ich mit Papier gut zurecht. Oder bleibe zuhause.

(So ähnlich vor 10 Tagen schon als Twitter-Thread zu den ersten Debatten über das Luca-Wunder, das von verschiedenen Landesdatenschutzbehörden empfohlen wurde, obwohl noch niemand den Code gesehen hatte. Hat seitdem nichts an Gültigkeit verloren.)

Auch noch lesenswert dazu: Luca ist leider auch keine Lösung von Eva Wolfangel (Zeit Online).

Und dieser Thread von Seda Gürses, der sich damit beschäftigt, worüber eigentlich diskutiert werden muss, wenn mal wieder nach technischen Lösungen für Probleme gesucht wird, die ganz woanders liegen:

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie erleben wir in Deutschland eine extrem verflachte Debatte über Apps (z.B. #LucaApp oder #ImmunityPassports), die bei der Bekämpfung der Corona-Krise helfen sollen. Problem: Diese Form der Debatte ist nicht hilfreich. …“

Erfolge feiern können, am Beispiel der Corona-Warn-App

DP3T Proximity Tracng Process - ZeichnungDie Corona-Warn-App so, wie sie jetzt ist, ist das Ergebnis einer sehr harten politischen Auseinandersetzung über offene vs. geschlossene Technologie.

Die Bundesregierung wollte anfangs etwas ganz anderes. Jetzt erklärt sie begeistert, wie super das alles sei:

Dezentral, freiwillig, open source, transparenter Entwicklungsprozess.

Aber das ist nicht, was das Gesundheitsministerium (BMG) anfangs wollte. Es war ein Streit über Wochen, und währenddessen wurden alle, die was anderes wollten, als Datenschutz-Spinner dargestellt (Frauen kamen in den deutschen Debatten eh nicht vor).

Wir haben diesen Streit gewonnen und das ist gut so, hoffentlich auch für zukünftige IT-Projekte der Bundesregierung, aber so zu tun, als hätte sich die Bundesregierung das mit SAP/Telekom und irgendwelchen Start-Ups allein ausgedacht, ist Quatsch.

Mit ‚wir‘ meine ich keine spezielle Gruppe, Organisation, Fraktion – im Gegenteil gab es wohl überall reichlich Skepsis und Kritik, oft auch zurecht, oft aber auch pauschale Ablehnung einer technischen Lösung, ohne genauer hinzugucken -, sondern viele verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Teile der „Netz-Community“, IT-Expert*innen, politisch aktive Menschen, aus vielen Ländern und auch Kontinenten.

Sicher auch einige innerhalb der Ministerien, sonst hätte es die Entscheidung so nicht gegeben.

Auch Apple und Google, und sicher haben wir nicht dieselben Interessen, deswegen muss weiter sehr genau geguckt werden, wie diese Public-Private Partnership weitergeht. Dazu gibt es gerade einen sehr guten Artikel von Michael Veale, selber Teil von DP3T, den ich sehr empfehle. Da geht es auch um die Frage, warum die Unternehmen mal wieder nicht durch Gesetze eingeschränkt werden, am Beispiel von Apple/Google und den Corona-Apps:

It is possible to be strongly in favour of a decentralised approach, as I am (as a co-developer of the open-source DP-3T system that Apple and Google adapted), while being seriously concerned about the centralised control of computing infrastructure these firms have amassed.

 

Wem wir nicht genug danken können: dem großen DP3T-Team rund um Carmela Troncoso, das, über viele Länder verteilt, das Problem früh erkannt und Tag und Nacht an einer technisch soliden Alternative gearbeitet hat, die zudem das Potential hatte, auch international genutzt zu werden, ohne Diktatoren Überwachungsinstrumente in die Hand zu geben. Und die dann 24/7 erklärt haben, was sie tun und wie ihr Vorschlag funktioniert: Ohne diese gut begründete dezentrale und vor allem vorzeigbare Lösung hätten sich die (deutschen) Unternehmen durchgesetzt, die von Anfang an am BMG klebten und alle anderen weggebissen haben.

Und es gibt immer noch genug zu kritisieren: keine gesetzliche Grundlage, die festschreibt, dass die App nicht morgen zu anderen Zwecken eingesetzt wird, dass niemand von Arbeitgeber*innen genötigt werden darf, sie zu benutzen, und dass nicht zusätzliche Funktionen auftauchen, die die Daten auswerten für irgendeinen Zweck. Wie so ein Gesetz aussehen könnte, hat eine sehr verschieden zusammengesetzte Gruppe im Mai aufgeschrieben, an der auch ich beteiligt war (pdf).

Dann die ganze Frage, warum überhaupt so ein Heilsversprechen an einer App hängt, statt die Pflegekräfte und alle anderen Leute in systemrelevanten Jobs besser zu bezahlen, viel mehr Personal einzustellen und die offensichtlichen Problem des Gesundheitssystem zu lösen, das ungebrochen weiterhin profitabel sein soll, bessere Wohn- und Arbeitsverhältnisse zu schaffen, in denen sich weniger Leute anstecken und bessere Bedingungen für Eltern und Kinder und Schule und Online-Unterricht. Unterstützung für Lehrer*innen, die die alles  auffangen sollten, was in der Politik im Bereich Digitalisierung von Schule seit Jahren verschlafen wird: gleichzeitig technische Lösungen für Online-Unterricht finden, sich selbst Methoden dazu aneignen, Kindern ausgedruckte Materialien vorbereiten, in der Schule parallel mehreren kleinere Gruppen in verschiedenen Räumen unterrichten, mit verzweifelten und wütenden Eltern fertig werden. Ok, ich schweife ab, aber dass all diese Dinge bis jetzt kaum angegangen wurden, sagt natürlich viel über politische Prioritäten der Bundesregierung.

Zurück zur App: Ein weiteres Problem ist die Veränderung der Gesellschaft, die sich daran gewöhnt, dass Technik Probleme wie so eine Pandemie lösen (sollen). Dass digitale Kontakt-Verfolgung ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens wird, ohne das Zeit war, darüber zu diskutieren, ob wir das wollen und was die Nebenwirkungen und Weitenentwicklungn sein werden.

Jeanette Hofmann hat gerade sehr gut für die WZB-Mitteilungen (pdf) aufgeschrieben:

Infrastrukturen neigen zur Verstetigung und zur Expansion. Ein wichtiger Grund hierfür liegt in den kollektiven Handlungsmöglichkeiten, die sie eröffnen, und den praktischen Erfahrungen, die sich mit diesen verbinden. Infrastrukturen dehnen den Raum des gesellschaftlich Plan- und Regelbaren aus. Sie nähren die Erwartung einer grundsätzlichen Kontrollierbarkeit auch von Ereignissen oder Prozessen, die zuvor als unverfügbare Zufälle akzeptiert wurden. Die Schlüsselerfahrung technischer Kontrolle, die sich wahrscheinlich nicht wieder aus der Welt schaffen lässt, liegt im Konzept der Distanzvermessung: Die Erfassung des räumlichen Abstands zwischen allen Menschen weltweit, die mit einem Smartphone ausgerüstet sind, birgt das Potenzial einer neuen Metrik. Die digitale Distanzvermessung lässt sich als im Entstehen begriffenes Kontrollinstrument verstehen, das noch auf der Suche nach seiner Nützlichkeit ist.
(S.35, Hervorhebung von mir)

Das scheint mir aktuell das größere Problem und nicht mögliche Gefahren von Überwachung, IT-Sicherheit, Falschmeldungen etc., die häufig als Vorbehalte geäußert werden, aber mit der App, die wir haben, sehr weitgehend minimiert wurden. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können.

Und darum geht es mir hier: Hier hat sich was Gutes durchgesetzt und nicht von allein, sondern weil sich viele großartige Leute dafür eingesetzt haben. Im Rahmen dessen, was möglich war, ist sehr viel erreicht worden, denn die Option ‚Keine App‘ wäre in den gegebenen Bedingungen zu Anfang der Pandemie nicht drin gewesen.

Den Erfolg sollten wir Spahn und seinem Ministerium nicht schenken, und SAP/Telekom auch nicht, denn wenn es nach denen gegangen wäre, hätten wir keine transparent, open source und kollaborativ entwickelte App.

 

PS: Es gibt natürlich zur App noch unendlich viel mehr zu sagen. Kann die durch Wände tracen? Was passiert nach dem Test? Was ist mit den Leuten mit alten Smartphones oder keinen Smartphones oder in oder aus anderen Ländern? Und die Geheimdienste? Da lässt sich problemlos ein halbes Buch drüber schreiben und das alles steht ja auch schon in zig Texten. Ich rede auch gern drüber, wenn noch Bedarf ist.

(Ein kürzere Version dieses Textes habe ich vor ein paar Tagen als Thread bei Twitter aufgeschrieben.)

 

Grafiken: CC-BY-SA 4.0 by DP-3T

Tipps für Video-Chats und Telefonkonferenzen


Mal was ganz anderes, als sonst hier zu lesen ist. Aber weil viele gerade ziemlich unerwartet vor der Situation stehen, Besprechungen per Video-Chat oder Telefonkonferenz statt ‚in echt‘ zu haben, hier ein paar Tipps, die dabei helfen können, damit es besser klappt.

Tipps für Video-Chats und Telefonkonferenzen

Die erste Frage, die sich meist stellt:

Welche Plattform?

Es gibt ganz unterschiedliche, wobei wohl fast alle gerade gemeinsam haben, dass sich schwer vorhersehen lässt, ob es wirklich funktioniert – einfach weil alle gerade viel mehr benutzt werden als sonst.

Was dabei eine Rolle spielen könnte:

  • für Skype müssen Accounts angelegt werden (aber viele haben auch schon welche), es ist eine kommerzielle Plattform, deren Nutzung von Microsoft ausgewertet wird. Soll aber recht stabil funktionieren.
  • Zoom erfordert die Installation einer extra App, ermöglicht aber die Teilnahme von vielen Nutzer*innen. Die Plattform ist kommerziell, gehört einem Unternehmen und in der Regel heißt das: sieht gut aus, hat mehr Funktionen, aber was mit euren Daten geschieht, bleibt ihr Geheimnis.
  • Jitsi ist Open Source und lässt sich sowohl mit App als auch direkt im Browser benutzen (https://meet.jit.si), ist aber manchmal ein bisschen buggy. Wer kann, kann es auch auf dem eigenen Server installieren: es ist Open Source-Software und nicht kommerziell.
  • Nextcloud Talk können nur die nutzen, die Zugang zur Nextcloud-Cloud-Software haben und nur, wenn ‚Talk‘ extra installiert ist. Dafür ist es open source und per App als auch im Browser benutzbar.
  • Kommerziell, aber unkompliziert im Browser: https://whereby.com/, in der kostenlosen Version nur für max. vier Nutzer*innen
  • Auch sehr beliebt bei einigen: Discord, ursprünglich eine Plattform vor allem der Gamer*innen-Community. Proprietäre Software ohne Verschlüsselungsoption, dafür eine Reihe von Optionen zur Konfiguration, Bots zur Automatisierung bestimmter Abläufe und ein Webinterface. Nur mit Registrierung nutzbar.

… und sicher noch viele andere.

Vielleicht ist Video auch gar nicht nötig, manche mögen das nicht – dann reicht auch nur Ton. Das geht etwa mit „Mumble“. Dafür ist allerdings nötig, Zugang zu einem Mumble-Server zu haben.

Tips und Tricks für die erfolgreiche Online-Besprechung

  • Entweder am Anfang, oder schon vorher: Worüber soll geredet werden? Einigt euch auf eine Tagesordnung (muss ja nicht so heißen), also eine Liste mit Punkten, damit nichts vergessen wird
  • Hilfreich neben der eigentlichen Besprechung: ein gemeinsames Dokument. Dazu eignen sich Pads: Das sind Websites, auf denen mehrere Leute gleichzeitig schreiben können, siehe https://etherpad.org mit vielen Links zu Anbietern. Ganz neu gibt es https://video.etherpad.com, da ist ein Video-Chat gleich mit dabei.
    Falls Ihr Pads noch nicht kennt: Im Grunde so ähnlich wie Google Docs (nur dass die mehr Funktionen haben, z.B. zum Formatieren – aber es wird eben alles von Google mitgelesen und (technisch) ausgewertet), oder Nextcloud Dokumente (die können aber nur die benutzen, die Zugang zu einer Nextcloud haben)
  • In diesem gemeinsamen Dokument könnt Ihr die Themen sammeln und sortieren, über die ihr reden wollt
  • Eine Vorlage für das gemeinsame Konferenz-Pad findet ihr hier: https://pastebin.com/SrLjK2au

 

  • Wenn die Zeit knapp ist, hilft gute Vorbereitung. Dann können auch manche Sachen vorher schon aufgeschrieben sein – also bspw., was seit dem letzten Treffen passiert ist oder was schon erledigt ist, was letztes Mal besprochen wurde.
  • Denkt daran, solche Dokumente rechtzeitig vorher zu verschicken, damit alle Zeit haben, sie auch zu lesen.

Los geht’s

Am besten: Einigt euch vorher oder am Anfang über:

  • Zweck / Ziel des Treffens
  • Ergebnis – was soll konkret dabei rauskommen?
  • Den Weg dahin: Wie wollt Ihr das machen?

Kurz: P – O – P (Purpose – Outcome – Process).
Das muss nicht jedesmal neu passieren – wenn ihr Euch öfter online trefft, dann entwickelt sich schnell Routine, wenn ihr einmal geklärt habt, wie es ablaufen soll.

Rollen

Besprecht am Anfang, wer was macht. Hilfreich ist, wenn je eine Person ..

  1. moderiert, also darauf achtet, dass Ihr beim Thema bleibt, die Punkte jeweils auch beendet werden und aufruft, wer als nächstes dran ist.
  2. Ergebnisse mitschreibt
  3. auf die Zeit achtet – fragt am Anfang ab, wer wie lange Zeit hat und besprecht, wieviel Zeit ihr euch in etwa für welche Punkte nehmen wollt
  4. zwischendurch mal fragt, ob alle noch ‚dabei sind‘. Wenn wir in einem Raum sitzen, sehen wir manchmal an Haltung oder Gesichtsausdruck, wenn ein Treffen nicht so gut läuft, deswegen ist es online v.a. bei länderen Besprechungen manchmal hilfreich, ab und zu zu fragen, ob alles für alle ok ist, oder, wenn es stiller wird oder nur noch wenige sprechen, schlagt vor, zum nächsten Thema zu wechseln. Oder mal kurz aufzustehen und was zu trinken zu holen.

Wenn Ihr Euch öfter online trefft, dann wechselt die Rollen, so dass alle mal ’nur mitmachen‘.

Moderation

  • Nehmt Euch die Zeit, am Anfang eines Treffens eine kurze Vorstellungsrunde zu machen, wenn Ihr euch noch nicht (gut) kennt, und fragt auch, wer sich selbst eher als intro- oder extrovertiert wahrnimmt, oder irgendwo dazwischen. Das hilft den Moderierenden, darauf zu achten, dass alle den Raum bekommen, den sie brauchen.
  • Abhängig vom Ziel, Thema und davon, wie gut sich die Teilnehmenden kennen, kann auch eine anfängliche Befindlichkeitrunde (wie geht es den Teilnehmenden; was beschäftigt sie gerade?) hilfreich für die Moderierenden sein. Wichtig hier: kurze Redezeiten.

Protokoll

  • Ideal ist, wenn zwei oder mehr Leute mitschreiben.
  • Gender! (Und Alter). Achtet darauf, dass die unsichtbaren Tätigkeiten von allen gleichmäßig übernommen werden.
  • Siehe oben: benutzt ein Pad, und vergesst nicht, den Inhalt hinterher in ein dauerhaftes Dokument zu kopieren, denn die meisten Pads werden nach einer Weile gelöscht. Einigt euch darüber, wie und wo die Protokolle im Anschluss aufbewahrt werden (per E-Mail versenden, in einem gemeinsamen Ordner/Wiki).

Auch hilfreich

  • Achtet darauf, dass die Technik funktioniert. Trefft euch zum ausprobieren vielleicht 10 Min vor dem eigentlichen Beginn zum ausprobieren
  • Wenn Video schwierig ist, weil die Server stark belastet sind oder das Internet wackelig, dann startet vielleicht kurz mit Video, damit sich alle mal sehen, und schaltet das dann ab. Am Ende könnt ihr es vielleicht kurz nochmal aktivieren. Nicht alle mögen Video, aber wenn, dann ist es angenehmer, sich zwischendurch auch mal zu sehen
  • Bittet alle, ein Headset, also Kopfhörer und Mikrofon zu benutzen. Ihr seid so viel besser zu verstehen.
  • Deaktiviert das Mikro, wenn ihr gerade nicht sprecht. In der Regel haben die verschiedenen Plattformen dafür einen Button im Video-Fenster. Das verbessert die Tonqualität für alle.
  • Benutzt das Chat-Fenster, auch für Feedback. Nicht mit viel Text, aber „+1“, <3, Emojis
  • Benutzt das Chat-Fenster, um euch zu Wort zu melden, oder das Pad für die Redeliste, also für Meldungen, dass ihr etwas sagen wollt. Bei Jitsi gibt es dafür sogar den „Hand heben“-Button. Das macht es den Moderierenden leichter. Im Pad könnt ihr bspw. einfach eine Liste mit Euren Namen untereinander schreiben, die dann abgehakt, durchgestrichen oder gelöscht werden, wenn ihr ‚dran wart‘.
  • Macht Pausen, wenn es länger dauert. Einigt euch am Anfang, wie lange es dauern soll, und wenn Ihr überzieht, dann besprecht das und auch, wie lang ihr verlängern wollt

Für Fortgeschrittene 
(im Ernst: ab hier wahrscheinlich eher, wenn Ihr längerfristig vor allem online kommuniziert)

  • Wenn ihr über Texte oder andere Dokumente, Bilder, Videos diskutieren wollt, oder während der Besprechung etwas zeigen, überlegt vorher, wie das gemacht werden kann: vorher verschickte Dokumente könnten Zeilennummerierungen haben, oder ihr benutzt ein Tool zum Screen-Sharing – machen Videokonferenz-Plattformen bieten das an.
  • Überlegt euch auch vorher, was ihr für Feedback dazu haben wollt, also möglichst konkrete Fragen, oder überlegt euch, wenn ihr eine offene Diskussion anstoßen wollt, möglichst offene Fragen an die anderen
  • Braucht Ihr noch andere Tools, z.B. zum Treffen von Entscheidungen, für Mindmaps oder brainstormen? Überlegt vorher, was helfen kann.
  • Und wenn Ihr gute Tools kennt – gern open source und nicht-kommerziell, muss aber ausnahmsweise nicht sein: schreibt sie in die Kommentare, am besten mit einer kurzen (!) Beschreibung, was ihr daran hilfreich findet.
  • Dasselbe für weitere Tips, die das Online-Leben im Homeoffice einfacher machen

Tausend Dank an Jac sm Kee, die das meiste schon bei Twitter aufschrieb – ich habe es nur ein bisschen umformuliert und ergänzt.

Und an Jannis, der mitdachte und ergänzte.

20 Jahre Indymedia – Ein anderes Internet schien möglich

(Zuerst bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlicht)

«The resistance is global… a trans-pacific collaboration has brought this web site into existence.»

So begann der erste Eintrag auf einer Indymedia-Website am 24. November 1999. Indymedia ging wenige Tage vor den Protesten gegen die Tagung der Welthandelsorganisation WTO in Seattle online, und sollte die alternative Plattform für Berichte über eben diese Proteste sein. Seit einigen Jahren wuchs die Anti-Globalisierungsbewegung, die sich vor allem gegen Deregulierung des Welthandels, gegen Freihandelsabkommen und den Abbau sozialer Rechte richtete, die bei Gipfeln wie den WTO-, G7, IWF- und Weltbanktreffen verhandelt wurden. In dieser Zeit wurde Attac gegründet, und es gab einen starken Bezug zum Aufstand der Zapatistas in Mexiko, die 1996 und 1997 zu «Interkontinentalen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit» eingeladen hatten. Auch in Deutschland gab es 1999 heftige Proteste gegen die EU- und  G7/G8-Gipfel in Köln: Zentrale Forderung war die Entschuldung der Länder des globalen Südens.

Parallel zum Wachsen dieser Bewegung entwickelte sich in Australien etwas ganz anderes: eine Software, die es möglich machte, schnell und ohne weitere Vorkenntnisse Texte, Bilder, Videos und Audiodateien im Web zu veröffentlichen. Eine der ersten interaktiven Web-Anwendungen mit der Möglichkeit zum «Open Publishing» war entstanden – bislang gab es weder Wikipedia noch Blogs, Social Media noch lange nicht. Wer im Netz veröffentlichen wollte, musste wissen, wie HTML-Seiten «gebaut» und wie Server administriert werden, oder musste sich auf das Usenet und erste Foren beschränken. Oder die Möglichkeit haben, auf den ersten Websites von Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen.

Open Publishing, die Möglichkeit, eigene Beobachtungen, Berichte, Meinungen einfach per Formular online zu veröffentlichen, hat die Welt der Medien auf den Kopf gestellt. Heute ist nichts selbstverständlicher, als spontan Bilder, Texte, Videoclips bei Facebook, YouTube, TikTok zu posten und per Twitter weit zu verteilen. Wer Ende der 90er etwas mitzuteilen hatte, brauchte dazu gute Beziehungen zur AStA- oder Lokalzeitung, sonst blieb nur der Leserbrief. Das war mit einem Schlag anders.

Und so setzte der erste Eintrag fort:

«The web dramatically alters the balance between multinational and activist media. With just a bit of coding and some cheap equipment, we can setup a live automated website that rivals the corporates. Prepare to be swamped by the tide of activist media makers on the ground in Seattle and around the world, telling the real story behind the World Trade Agreement.»

(Das Web verändert die Balance zwischen multinationalen und aktivistischen Medien dramatisch. Mit ein bisschen Code und etwas billigem Equipment können wir eine automatisierte Live-Website aufsetzen, die den Unternehmen Konkurrenz macht. Bereitet Euch darauf vor, überschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer Medienmachender*innen vor Ort in Seattle und überall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsvereinbarung erzählen.)

Der 24. November 1999 in Seattle

In Seattle diente die gerade rechtzeitig vor dem Gipfel fertiggestellte erste Indymedia-Website zunächst dazu, den vielen Reporter*innen, Fotograf*innen und Videofilmer*innen eine Online-Plattform zu geben, die gekommen waren, um über die Proteste zu berichten. Indymedia, Kurzform für «Independent Media Center» (IMC), war eine spontan entstandene Redaktion vor Ort, in der Material und Informationen ausgetauscht, gemeinsam bearbeitet und online gestellt wurden.

Die Notwendigkeit dazu entstand, weil Berichte über Proteste und Demonstrationen von etablierten Medien in der Regel erst veröffentlicht wurden, wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam – das ist heute meist nicht anders. Über friedliche Demos, kreative Aktionsformen oder einfach die Gründe, warum Menschen auf die Straßen gingen, fanden sich viel seltener Berichte. Und wenn‘s dann doch geknallt hatte, dominierten die Erklärungen der Polizeipressesprecher*innen.

Indymedia-Websites veränderten diese Situation: Plötzlich war es nicht mehr nötig, die wenigen wohlwollenden Journalist*innen zu finden, mit Infos zu füttern und zu hoffen, dass irgendwas davon tatsächlich in der Zeitung landete. Aktivist*innen wurden zu Medienaktivist*innen, trugen Bilder und Texte zusammen und veröffentlichten sie einfach selbst.

Das IMC in Seattle war ein Riesenerfolg: Die Seite hatte in einer Woche 1,5 Mio. Besucher*innen und übertraf damit selbst CNN.

Die Indymedia-Software scheint heute banal, aber vor 20 Jahren war sie eine technische Revolution: Texte und Bilder konnten mit einfachen Web-Formularen hochgeladen und mit einem Klick veröffentlicht werden, viel schneller als jede Zeitungsredaktion. Bei Gipfelprotesten hatten die Unabhängigen Medienzentren viel mehr Material zur Auswahl: Viele Aktivist*innen lieferten Informationen, eigene Texte und Bilder, die dann zu Überblicksartikeln zusammengesetzt wurden. Wie gesagt: Es gab weder Blogs noch Facebook und selbst Wikipedia musste erst noch erfunden werden. Ich habe selbst in den ersten Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten erlebt, dass die wenigen Reporter*innen etablierter Medien im Durcheinander den Überblick verloren und schließlich im Newsroom von Indymedia anriefen, um herauszufinden, was gerade wo passierte: niemand sonst hatte annähernd so viele Leute auf der Straße.

Nach dem WTO-Gipfel in Seattle 1999 entstanden temporäre IMCs samt eigener lokaler Indymedia-Website in rasender Geschwindigkeit auf allen Kontinenten. Im Jahr 2004 gab es über 150 Indymedia-Gruppen; davon mit Abstand die meisten in Nord-, Mittel-, Südamerika und Europa und jeweils ein bis zwei Handvoll in Afrika, Asien und Australien/Ozeanien.

Der Start von Indymedia in Deutschland

Mein erster Kontakt mit Indymedia fand während der Proteste gegen die IWF-/Weltbank-Tagung 2000 in Prag statt. Auch hier gab es eine eigene Website – die erste in Europa.  Selbstverständlich hatte niemand auf der Straße in Prag Mobiltelefone oder Laptops dabei, aber um nicht nur den Rest der Welt, sondern auch die Menschen vor Ort zu informieren, gab es in Prag (so wie auch sonst später üblich) sogenannte «Print-Ausgaben». Sie enthielten Zusammenfassungen der Online-Inhalte, die in verschiedenen Sprachen an Aktivist*innen und die lokale Bevölkerung verteilt wurden.

Indymedia Deutschland entstand ein Jahr später: nach ein paar Monaten der Vorbereitung und einigen überregionalen Treffen ging der deutsche Ableger des Indymedia-Netzwerks im März 2001 mit einer eigenen Website online. Anlass war ein Castor-(Atommüll-)Transport ins Wendland. Die erste deutsche Redaktion traf sich in der Scheune eines alten Bauernhofs, Kameras waren rar und die Bilder mussten per Speicherkarte zu den Rechnern in die Scheune gebracht werden: Die Versorgung mit ausreichend Bandbreite nur für die lokalen IMC-Stationen in den Camps der Aktivist*innen erforderte noch viele Jahre monatelange Planung.

Nach dem intensiven Auftakt im Wendland begann der Alltagsbetrieb der Website de.indymedia.org, die bis heute online ist. Es gab keine ständige Redaktion, stattdessen fand  Kommunikation und Organisation über Mailinglisten, IRC-Chats und gelegentliche Treffen in verschiedenen Städten statt. Dabei zeigte sich schnell, dass Indymedia auf zwei Säulen stand, die sich in einem ständigen Spannungsverhältnis befanden: Einerseits verstand sich das Indymedia-Netzwerk als Sprachrohr progressiver Bewegungen: es entstand parallel zu Gipfelprotesten und dort befanden sich temporär auch ganz reale physische Orte, an denen Medienaktivist*innen zusammenkamen, um Gegenöffentlichkeit zu realisieren. Andererseits war es ein Projekt, für das die Grundprinzipien des freien Internets zentral waren: Offenheit, Transparenz, Kollaboration, Partizipation – und damit war per se erstmal keine spezifische politische Aussage verbunden.

Ohne sich je physisch getroffen zu haben, entwickelte das internationale Netzwerk grundsätzliche Prinzipien und Kriterien für die Mitgliedschaft neuer Gruppen im Netzwerk. Es entstanden (virtuelle) Arbeitsgruppen für die Verwaltung von Servern und Debatten über Software (die in jedem Fall freie Software sein musste), für Übersetzungen, für Diskussionen über neue Mitgliedsgruppen, Grundlagen der Entscheidungsfindung und für die Finanzen. Indymedia bekam Spenden, die größte 2002 von der Rockband Chumbawamba, die die Hälfte der Einnahmen des Verkaufs eines Songs an General Motors an Indymedia spendete – immerhin 35.000 US-Dollar. Auch die Frauen der IMC-Gruppen hatten eine gemeinsame internationale AG, die früh durchgesetzt hat, dass nur die Teil des globalen Netzwerks werden konnten, die einen angemessenen Frauenanteil in den Gruppen hatten und auch sonst auf Diversität achteten.

Alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen, es gab für alles ein Veto-Recht und damit war alles nur möglich, wenn alle einverstanden waren. Ein gigantisches Internet-Demokratie-Projekt, das mit denselben Schwierigkeiten kämpfte, die das Netz bis heute beschäftigen.

Free Speech vs. Nazis raus

Vor allem aus den USA wurde der Fokus auf Meinungsfreiheit betont: alle können mitreden, alle haben die Gelegenheit sich zu beteiligen, niemand wird ausgeschlossen, alles wird veröffentlicht. Wer nicht einverstanden ist, kann die Kommentarfunktion nutzen, um die eigene Perspektive darzustellen.

Viele der europäischen Gruppen wollten antidemokratischen Stimmen keine Plattform bieten und zogen eine Moderationsgrenze ein: So erklärte das deutsche «Mission Statement», de.indymedia.org solle «keine Plattform für menschenverachtende, sexistische, rassistische, rechtsradikale u./o. totalitäre Beiträge jeder Art» sein. Erst nach monatelangen Diskussionen wurde entschieden, dass die deutsche Gruppe trotz dieser klaren und beabsichtigten Einschränkung des Open-Publishing-Grundsatzes Teil des Netzwerks werden durfte.

Überhaupt, die Kommentarfunktion.

Genau genommen ist sie ein einziges Missverständnis. Erfunden wurde die Kommentarfunktion, damit unter den veröffentlichten Inhalten von anderen ergänzt werden konnte, was fehlte oder anders gesehen wurde. Tatsächlich war sie auch bei Indymedia mehr oder weniger von Anfang an eine bunte Trollwiese: Beschimpfungen, Verleumdungen, rechte Hetze und persönliche Angriffe beschäftigten die (immer unbezahlt in der Freizeit aktiven) Moderationsteams weit mehr, als sich irgendwer ausgemalt hatte. Ein Versuch, das zu korrigieren, war die Umbenennung der Kommentare in «Ergänzungen», um deutlicher zu machen, dass hier zusätzliche Fakten gefragt waren, und weniger Meinung. Im nächsten Schritt wurden eingehende Kommentare unterteilt in inhaltliche Ergänzungen zum Text und andererseits – alles andere. Erstere wurden gut sichtbar zuerst dargestellt, alles andere blasser, kleiner und mit eingeklapptem Text darunter. Eine Lösung, die sich bedauerlicherweise sonst nirgends durchgesetzt hat, ich halte sie weiterhin für einen sehr sinnvollen Beitrag zu einer konstruktiven Diskussionskultur im Netz.

Spätestens seit dem Verbot des später gegründeten lokalen Projekts Indymedia Linksunten [1] assoziieren viele Menschen in Deutschland Indymedia mit Linksextremismus, Antifa oder jedenfalls einer sehr kleinen Subkultur. Das war nicht immer so: 2002 bekam Indymedia Deutschland von «Politik Digital» Indymedia als «hervorragende Initiative im Bereich eDemocracy» den Poldi-Award für Wissenschaft, Bildung und Kultur – in der Jury saß u.a. die spätere Justizministerin Zypries. (Nicht alle fanden das gut).

Die Hochzeit der IMCs war nach nicht mal zehn Jahren vorbei. Kommerzielle Plattformen waren entstanden, die das Hochladen von Fotos und Videos viel einfacher und ansprechender anboten, es gab erste Blogs, die vielen ermöglichten, sich mit wenigen Klicks eine individuelle Website einzurichten, und schließlich kamen Facebook und Twitter, alles (scheinbar) umsonst. Viele der Bewegungen, die Indymedia hervorgebracht haben, gibt es in der Form nicht mehr. Stattdessen ist die Kritik der «Mainstreammedien» Bestandteil des Instrumentenkastens der neuen und alten Rechten geworden. Ganz offensichtlich hat der Zugang zur Produktion von Medien allein nichts Emanzipatorisches, wenn das Ziel nicht gleichzeitig auch ein herrschaftskritisches ist.

Inzwischen verschwinden die umfangreiche Archive des wohl größten aktivistischen Online-Nachrichten-Projekts langsam aus dem Netz: viele Gruppen haben sich lange aufgelöst, und auch die Techies, die die Infrastrukturen gepflegt haben, hatten irgendwann besseres zu tun. Dabei gäbe es hier noch viele Schätze zu heben: Bewegungsgeschichte, Medientheorie (und -praxis), Internationalismus.

Dennoch gibt es weiterhin einige unermüdliche Indymedia-Gruppen, die eng mit sozialen Bewegungen verflochten sind und ihren Communities wichtige Dienste leisten und das ist gut so.

Weiter online sind: Argentinien | Niederlande | Mexiko | San Francisco Bay Area | Lille | Brasilien | Brüssel | Guatemala | Irland | Nantes | Boston | Barcelona | Germany | LA | Santa Cruz | Ecuador | Rosario

(Ohne Anspruch auf Vollständigkeit)


[1] Das Projekt linksunten.indymedia.org entstand 2008 als lokaler Ableger, dieses Projekt wurde 2017 nach Vereinsrecht verboten und klagt zurzeit gegen dieses Verbot. Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Betreiber*innen wurde im August 2019 eingestellt. Das Urteil wird im Frühjahr 2020 erwartet.

Cyber, oder besser: Digitale Sicherheit

 Habe mich sehr über die erste Frage in diesem langen Interview in der Frankfurter Rundschau gefreut:

Frau Roth, in den vergangenen Wochen wurde viel über „Cybersicherheit“ diskutiert. Sie kritisieren den Begriff. Warum?

Weil es ein Begriff ist, der vernebelt, was konkret gemeint ist. Geht es um Angriffe auf Atomkraftwerke oder die digitale Sicherheit von Nutzerinnen und Nutzern? Mich stört auch diese geheimnisvoll-gefährliche Aura, die mit sich bringt, dass viele Menschen sich nicht zutrauen, sich ein bestimmtes Wissen anzueignen. Vielleicht ist das auch zusätzlich so, weil das ein sehr technisches und stark männlich besetztes Thema ist. Und weil unheimlich viel Bluff seitens einiger „Cyberexperten“ dabei ist.

Dazu fallen mir gleich alle möglichen Sachen ein, nämlich, warum es ein Riesenproblem ist, wenn Leute Schwierigkeiten haben zuzugeben, dass sie hier und da Sachen nicht verstehen, die mit ihren Mobilgeräten, Computern, Routern, etc. zu tun haben.

Und welche politischen Interessen oft dahinter stecken, wenn von ‚Cyber‘ die Rede ist und nicht von IT-Sicherheit, oder Digitalisierung.

Aber viel davon steht ja schon in dem Interview, und das findet ihr hier.

Was bei der Diskussion über Doxing gerade hinten runterfällt

Seit am 4. Januar bekannt wurde, dass hunderte Politiker*innen und andere öffentlich bekannte Personen von Doxing betroffen sind, und seit in der Folge viele zum ersten Mal davon gehört haben, dass es diese Vokabel gibt, reden alle davon: Was es heißt, wenn die eigenen private Daten von anderen eingesehen und veröffentlicht werden.

Es ist unangenehm, peinlich, schmerzhaft. Nichts zu verbergen? Wir erleben gerade, warum das nicht stimmt:

  • weil wegen solcher Daten Freundschaften und Beziehungen kaputt gehen können
  • weil es schnell sehr teuer werden kann, wenn andere auf den eigenen Namen Dinge bestellen und vielleicht auch gleich bezahlen
  • weil Nazis vor der Tür stehen
  • weil Stalker vor der Tür stehen
  • weil gewalttätige Ex-Freunde und -Männer in der Wohnung stehen
  • weil damit erpresst werden kann.

Die IT-Sicherheit, oder auch „Cyber“

In der öffentlichen Diskussion über die ‚Adventskalender-Daten‘ gibt es derzeit (mindestens) drei Stränge: zuerst ging es um die betroffenen Personen, aber sehr schnell entwickelten sich daraus zwei andere Themen: Innenministerium und Sicherheitsbehörden, die das ganze zu einer Erfolgsstory machen, weil sie den Verdächtigen nach wenigen Tagen festgenommen hatten, pushen die übliche Agenda der Inneren Sicherheit: Das ganze sei ein Angriff auf die IT-Sicherheit des Landes, und deswegen brauchen die Behörden, die für IT-Sicherheit zuständig sind, mehr Personal, mehr Geld, mehr Kompetenzen. Erste Forderung, auch von Innenpolitikern der Union, war die nach Hackbacks (also die Erlaubnis, ‚zurückzuhacken‘), wobei völlig unklar bleibt, wogegen das hier geholfen hätte. Das Cyberabwehrzentrum (gibt’s wirklich) kriegt ein ‚Plus‘ und soll erweitert werden. Mehr Speichern, mehr Überwachen, mehr Geheimdienst: wie das aber Böhmermann, Habeck, Sigmar Gabriel und allen anderen geholfen hätte, bleibt offen.

Dazwischen gibt es langsam auch differenziertere Vorschläge etwa zur Produkthaftung und Zertifizierung, ebenfalls keine neuen Themen in der IT-Sicherheit und wenn darüber geredet wird, schadet es jedenfalls nicht.

Die Demokratie

Das zweite Thema: die Bedeutung für Demokratie und Wahlen. Die gibt es, keine Frage, auch wenn sie sich auch nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt. Hier sind wir beim Thema Erpressung: wenn private, intime, unangenehme Informationen über Politiker*innen öffentlich werden bzw. öffentlich werden könnten, dann werden Politiker*innen erpressbar, und das ist allerdings ein großes Problem. Wir erinnern uns kurz an die Snowden-Veröffentlichungen: Da ging es auch um die Gefahr, dass Geheimdienste anderer Staaten Informationen über Politiker*innen sammeln: um sie bei Bedarf zu erpressen. Das findet statt und warum das für Demokratien ein Problem ist, muss nicht erklärt werden. Ich hoffe sehr, dass alle Politiker*innen sich diesen Fall zu Herzen nehmen und besser auf ihre Daten, Bilder, Chats, Kontakte achten. Vermutlich werden uns Informationen aus den Adventskalender-Daten in der nächsten Zeit hier und da in den Medien begegnen.

Das ist natürlich ein wichtiges Thema und mein Eindruck ist, dass in den Medien gerade ein starker Fokus darauf gelegt wird. Schön wäre allerdings, wenn neben den Beteuerungen, dass wir uns hier nicht beeinflussen lassen, genauer nachgeguckt würde, wie und ob die Beeinflussung tatsächlich stattfindet, und was digitale Medien und Plattformen wirklich damit zu tun haben (oder vielleicht doch die Tracking- und Online-Werbeindustrie?).

Die Perspektive der Betroffenen

Worüber aber am wenigsten gesprochen wird, und das ist ist ein Problem: was Doxing für Betroffene im Alltag bedeutet und was nötig wäre, um ihnen angemessen zu helfen. Und damit meine ich prominente wie nicht prominente Betroffene.

Ja, es gibt gerade überall Tips, wie sich alle besser selber schützen: bessere Passwörter, Passwortmanager (Parteien und Fraktions-IT-Abteilungen: Looking at you!), Zwei-Faktor-Authentifizierung: alles gut und wichtig, keine Frage.

Wer dazu konkret mehr wissen will, findet hier gute Tips:

Aber was machen Menschen, bei denen es schon passiert ist? An wen wenden sie sich? Das BSI, von dem gerade so viel die Rede ist, also das ‚Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik‘ ist jedenfalls nicht zuständig, das bestätigte die Bundesregierung im Dezember in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage zum Thema. Unter ‚Cybercrime‘ fällt nicht, wenn normale Menschen betroffen sind: da helfen also auch die Verweise auf die Cybercrime-Fachdienststellen bei Polizei und Staatsanwaltschaften nicht: die kümmern sich um IT-Sicherheit und -Kriminalität bei Unternehmen und in der Wirtschaft, aber nicht darum, wenn bei einzelnen Personen das digitale Innerste nach Außen gekehrt wird.

Mir berichten bis jetzt Anwältinnen von Versuchen, Doxing-Fälle in Berlin bei kompetenten Polizei-Dezernaten anzuzeigen und das Ergebnis ist: Die gibt’s nicht. Der Regelfall ist, dass die zuständigen Beamt*innen nicht verstehen, warum es ein ernstzunehmendes Problem ist, wenn Leute beleidigt, bedroht, besucht werden, wenn Fotos ihrer Wohnorte im Netz auftauchen. Es gibt kein Dezernat o.ä., dass die Fälle sammelt, das überhaupt bemerkt, wenn es Häufungen oder Ähnlichkeiten von Fällen gibt: Das ist auch in der Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestages am Donnerstag deutlich geworden, als Innenminister Seehofer und BKA-Chef Münch auf Nachfragen, ob frühere Anzeigen von Betroffenen überhaupt bekannt gewesen seien, nichts sagen konnten.

Es gibt in Deutschland einen Blumenstrauß an ungefähr passenden Gesetzen, aber keins davon erfasst das Problem, wenn private Daten von anderen zu allem möglichen benutzt werden, weil jeder Fall einzeln betrachtet und fast immer eingestellt wird, weil er für sich genommen relativ unbedeutend ist. Zudem in der Regel die Täter nicht ermittelbar sind – wenn sie sich nicht mehr oder weniger selbst outen, so wie es im aktuellen Fall passiert ist. Hier hat ja offensichtlich klassische polizeiliche Ermittlungsarbeit geholfen.

Denn um das klar zu sagen: wir brauchen weiterhin ein Recht auf Anonymität im Netz als digitales Grundrecht, denn es schützt auch und gerade Minderheiten und Dissident*innen, und wir müssen uns weiterhin gegen Massenüberwachung im Netz wehren.

Was fehlt also?

  • Kompetente, leicht zu findende Beratung für Betroffene.
    Das wird schnell unterschätzt: es kostet Zeit und Geld für die Berater*innen, sich zu ständig neuen Risiken und Angriffsformen weiterzubilden, und es ist für Betroffene nicht leicht einzuschätzen, wem sie jetzt noch vertrauen können.
  • Spezialisierte Stellen bei den Polizeien und entsprechende Weiterbildung für alle bei der Polizei, damit Betroffene überhaupt verstanden und an kompetente Polizei-Dienststellen weitergeleitet werden
  • Entsprechende Zuständigkeiten bei den Gerichten, damit nicht nur Unternehmen und kritische Infrastrukturen von den „Cyber“-Staatsanwaltschaften betreut werden
  • Eine Diskussion darüber, wie diese Fälle juristisch behandelt werden sollten: es gibt den Hackerparagrafen 202c des Strafgesetzbuchs (StGB), samt §202a+b, dazu Beleidigung (§ 185 StGB), Bedrohung (§ 241 StGB), Körperverletzung (§ 223 StGB), Nötigung (§ 240 StGB), Nachstellung/Stalking (§ 238 StGB). Darüber hinaus noch das NetzDG als Versuch, gegen Hatespeech vorzugehen, mit den bekannten Problemen, dass die Rechtsdurchsetzung plötzlich von Unternehmen erledigt werden soll, die alles mögliche löschen aus Angst vor Strafe, dafür aber viele reale Bedrohungen stehen lassen.
    Was in Deutschland fehlt: eine gesetzliche Grundlage, auf der dagegen vorgegangen werden kann, wenn Menschen digital bedroht und angegriffen werden, und zwar in der Regel durch eine Kombination der verschiedenen bisherigen Straftatbestände.
  • Statistiken: Niemand weiß, wieviele Fälle von Doxing und daraus folgenden Bedrohungen, Stalkings, Erpressungen es in Deutschland gibt.
  • Vor allem fehlt ein Verständnis dafür, welche Folgen Doxing für einzelne hat: Es macht Angst, es führt dazu, dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, niemandem mehr trauen, vielleicht umziehen, ihren Job kündigen, es kostet zum Teil sehr viel Geld.
  • Und, ja: Bildung. Sobald Menschen mit Smartphones und Tablets in Kontakt kommen, müssen sie auch Zugang zu Informationen haben, dass und wie sie sich sinnvoll schützen müssen: also ab der Kita. In Schulen sollte das zum Standardprogramm gehören – lange vor, oder besser anstelle der ewigen Übungen mit Powerpoint und Word-Formatierungen.

Dgitalisierung aus der Perspektive der Nutzer*innen

Was wir brauchen, ist auch eine neue Diskussion darüber, was Digitalisierung bedeutet, und zwar mit der Perspektive auf die Menschen, und nicht auf Produkte und Unternehmen. Das klingt für einige vielleicht altbacken und etwas antikapitalistisch, aber dass die neoliberale Perspektive ‚Unternehmen first, Menschen second‘ gerade mal wieder deutlich an ihre Grenzen gestoßen ist, haben vielleicht doch alle in den letzten Tagen gesehen.

Was meine ich damit? Wir tragen alle Mobilgeräte herum, die uns viel abnehmen und deswegen viel über uns wissen. Wir bekommen ständig attraktive, bequeme Angebote für Apps, die uns das Leben erleichtern: von der Bahn, der Bank, Online-Shopping, Apotheke, Fluglinien, To-Do-Listen, Kalender usw. usf. Die meisten dieser Dienste sind schlecht abgesichert und wenn sie dann wem anders in die Hände fallen, ist es zu spät. Wir sollen demächst unsere vollständigen Gesundheitsdaten per App speichern und herumtragen, und wenn es läuft wie geplannt, dann werden wir nicht die Wahl haben, ob wir da mitmachen.

Natürlich ist das praktisch und ja, die Digitalisierung findet statt und wird nicht mehr weggehen. Nur fehlt in der Diskussion darüber fast immer die Perspektive der Leute, die keine Profis sind, die nicht den ganzen Tag Zeit haben, über IT-Sicherheit nachzudenken und die mit den Folgen fertig werden müssen, wenn ihre Daten von anderen geklaut werden. Das ist nicht trivial: das sehen wir gerade, darüber muss geredet werden und für diese Menschen müssen Lösungen her – und damit meine ich nicht bessere Passwortmanager.

Leider geht diese Perspektive in den aktuellen Debatten schon wieder unter, dabei können wir alle davon betroffen sein – vielleicht wissen wir es nur noch nicht.

 

Bild: Mikail Hukuna / pixabay.com

35C3: Digitale Gewalt gegen Frauen

Damit’s leicher zu finden ist, auch hier das Video vom meinem Talk „Stalking, Spy Apps, Doxing: Digitale Gewalt gegen Frauen“ letzte Woche beim 35. Chaos Communication Congress.

Weil es Nachfragen gab, hier die verschiedenen Materialien, auf die ich mich im Talk bezogen habe, quasi die Literaturliste.

Die Dokumente und Websites, die ich im Talk erwähnt habe:

Es gibt natürlich noch viel mehr, hier eine Auswahl:

Konkrete Tips und Hilfe für Betroffene

Artikel dazu

Weitere Studien etc.

Sonst noch

Polizei:
Es kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, die Polizei zu kontaktieren.
Es empfiehlt sich in jedem Fall, vorher mit einer Anwältin zu sprechen, die auf Sexualstraf- und/oder IT-Recht spezialisiert ist, am besten aber mit einer Frauenberatungsstelle.

Ergänzungen gern als Kommentar oder per Mail. Feedback zum Talk genauso, und gern auch direkt an das Content-Team des CCC.