Trackography: You never read alone – #31C3

Beim 31. Chaos Communication Congress, auch 31C3, wurde ein neues Projekt von Tactical Tech gelauncht: Trackography. Ich war ganz am Anfang im Sommer auch Teil des Teams, aber das Ergebnis, das jetzt vorgestellt wurde, ist das Ergebnis der Arbeit von anderen.

In einem Satz: Trackography (Betonung auf der 2. Silbe) zeigt, wo Eure Daten landen, wenn Ihr News-Websites lest. Durch welche Länder (= deren Geheimdienste), über welche Server und zu welchen Firmen die Information wandert, für welche Nachrichen Ihr euch interessiert. Der geringste Teil davon sind die Server von Berliner Zeitung, Washington Post oder Guardian.

Ihr könnt auf trackography.org auswählen, welche News Ihr lest und dann auf einer Karte beobachten, wie sich Eure Informationen durch’s Netz bewegen.

Sehr cool fand ich, dass Maria Xynou und Claudio Agosti das am Montag an einem aktuellen Beispiel vorgeführt haben:

Am Abend vorher hatten Laura Poitras und Jakob Applebaum ebenfalls beim 31C3 neue Snowden-Dokumente präsentiert, die gleichzeitig bei Spiegel Online veröffentlicht wurden: Inside the NSA’s War on Internet Security. Sie bestätigten damit, dass viele vielbenutzte Methoden zur Verschlüsselung im Internet von der NSA geknackt werden können. Als Marias am Montag fragte, wieviele den Spiegel-Artikel während des Talks ohne den Anonymisierungsdienst Tor angeklickt hatten, hoben sich viele Hände.

Und Trackography führte vor, wem sie damit ihre Daten frei Haus geliefert hatten:

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spiegel.de – Prying Eyes: Inside the NSA’s War on Internet Security

Eure Daten – also Daten über Euren Browser, Euer Surf-Verhalten, den Rechner/das Smartphone oder Tablet und verschiedenes anderes, das ausreicht, um euch jeweils persönlich zu identifizeren, das ist hinreichend nachgewiesen – werden im Fall von Spiegel Online von 37 anderen Instanzen aufgezeichnet. Sie wandern über die Niederlande, Großbritannien, Dänemark, Spanien und die USA.

Für die verschiedenen Tracker gibt’s eine Tabelle, die auflistet, welche spezifischen Probleme sie mitbringen: Dauer der Vorratsdatenspeicherung in dem Land, in dem sie sitzen; unterstützen sie die Initiative ‚Do Not Track‚ (oder nicht), betreiben sie Profilbildung mit den Daten.

Die Arbeit an Trackography begann letzten Sommer und das Team hat wirklich Erstaunliches geleistet. Einiges fehlt noch, hier bspw. Infos über die Tracker plista, Admeta und Meetrics, aber für die anderen gibt es ausführliche Übersichten und dazu jeweils auch noch Erklärungen: was bedeutet Profiling, was ist Do Not Track, etc.

Im Fall des Spiegel-Artikels fällt bspw. auf, dass die Daten auch in Spanien getrackt werden, und wenn ich in der interaktiven Grafik Spanien anklicke, erscheint die Erklärung, dass dort der Server i.ctnsnet.com beheimatet ist. Coookiepedia hat nicht viele Informationen über ctsnet.com außer der, dass es viele Cookies von dort gibt, aktuell 1445, die auf 662 verschiedenen Websites zu finden sind. Hier gibt es also auf jeden Fall die Möglichkeit, viele Informationen über viel Menschen zusammenzuführen.

Die Grafik zum NSA-Krypto-Artikel bei Spiegel Online ist nicht online. Alles andere aber schon und was verblüfft ist, dass das Ergebnis für spiegel.de anders ausfällt. Hier gibt es kein Twitter und Facebook, soweit wenig überraschend, denn die finden sich jeweils bei den Artikeln zum weiterverteilen. Aber warum die Daten statt in Spanien, wie bei der Spiegel-Hauptseite, jetzt in Italien vorbeikommen, müsste wohl Spiegel Online erklären:

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Spiegel.de

Hier haben wir stattdessen auch andere Werbefirmen, etwa AppNexus, die alle Daten volle zwei Jahre auf Vorrat speichern.

An diesem Punkt startet gewöhnlich die Debatte darüber, wie denn sonst Online-Journalismus finanziert werden soll? Ich weiß es auch nicht. Wenn ich das wüsste, würde ich aktuell was anderes machen, als hier rumzubloggen.

Trackography hat News-Websites als Beispiel genommen, weil das Ziel dieses Projekts ist, normalen Userinnen und Usern deutlich zu machen, was Tracking bedeutet. In der Annahme, dass die meisten Menschen Nachrichten online lesen, geht es hier um News, aber natürlich hätte es auch um Online-Shops gehen können, oder Sport, oder oder..  Das Problem ist überall dasselbe. Tracking findet statt, damit das Modell ‚Daten gegen Informationen‘ funktioniert. Wenn wir uns einig sind, dass es nicht erstrebenswert ist, dass irgendwo Profile von uns existieren, die wir nicht beeinflussen und nicht mal korrigieren können, wenn sie fehlerhaft sind, dann muss über das Internet neu nachgedacht werden. Spätestens seit wir wissen, dass die besten Kunden der Profilsammler die Geheimdienste sind.

Trackography zeigt nicht nur, welche News-Sites wie tracken, sondern erklärt auch die Systematik dahinter, wie die Daten aufbereitet wurden: Meet the Trackers.

Die Visualisierung zeigt nicht in Echtzeit, welche Wege die Daten nehmen. Für jedes Land, für das bei Trackography Daten vorliegen, wurde im Land von Freiwilligen Skripte ausgeführt – alles legal und mit öffentlich verfügbaren Informationen – um den Weg der Daten nachzuvollziehen. Es sind viel mehr Länder geworden, als anfangs geplant war, aber es fehlen auch noch viele.

track-worldEine „schöne“ Geschichte über Russland und die Ukraine wird im Talk erzählt, das Video steht unten. Das faszinierendste Beispiel aktuell: Syrien.

Wer Daten aus weiteren Ländern beisteuern kann, kann hier und hier weitere Informationen dazu finden, oder einfach eine Mail an trackmap@tacticaltech.org schicken.

Und schließlich gibt es natürlich auch viele Tips dazu, wie Ihr das Tracking reduzieren könnt: What can I do to prevent being tracked when reading the news online? mit den passenden Browser-Add-Ons dazu.

Ein paar Highlights aus der bisherigen Auswertung der Daten:

  • 90% alles Nachrichten-Websites weltweit routen ihre Daten über US-Infrastruktur
  • Die meisten Tracker finden sich bei
    • Wall Street Journall
    • Philippine Daily Inquirer
    • Kashmir Times
  • Libertad Digital, eine spanische News-Website, die für engagierten Journalismus steht, lässt 49 Firmen auf ihrer Seite tracken
  • Einige deutsche News-Websites routen ihre Daten über Indien, das derzeit überhaupt kein Datenschutzgesetz hat

Wie die Daten gesammelt und ausgewertet werden, steht hier: Trackography methodology.

Der Talk beim Congress:

Es gibt auch eine Aufzeichnung des Talks ohne Tracker und die Präsentation ist ebenfalls online.

Viel Respekt dafür nochmal an Claudio Agosti, Maria Xynou und meinen Lieblingsdeveloper Niko Para.

Disclaimer: hier trackt die VG Wort und ein sehr eingeschränktes Piwik.

Bei netzpolitik.org gibt es eine leicht veränderte Fassung dieses Blogposts.

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Tracking von Frauen in Saudi-Arabien, oder: Wenn alle voneinander abschreiben

Das Netz ist schön dafür, dass alles vernetzt ist (sic!), dass es schnell geht, dass ich mitkriege, was geschieht (wenn ich will).

Haken: wenn alle voneinander oder den Agenturen abschreiben, spielen wir Stille Post.

Aktuelles Beispiel: die Meldung, dass Frauen aus Saudi-Arabien, die das Land verlassen, elektronisch an ihren Herrn und Gebieter verpetzt werden, der dann eine SMS kriegt. Grauenhaft auf allen Ebenen, keine Frage.

Geht überall rum, hat ja auch alles Potential: Überwachung, elektronisch, Frauenunterdrückung, irgendwo da unten.

Ist aber doch nicht ganz so, wenn dem Post auf Riyadh Bureau Glauben geschenkt werden kann:

Is the Saudi Government Monitoring Women?

An uproar broke out on Twitter last week when some Saudi women discovered that their male guardians began receiving text messages on their phones informing them that the women under their custody have left or entered the country.

Reporting on the uproar, AFP described it this way: “women in Saudi Arabia are now monitored by an electronic system that tracks any cross-border movements.” This description is inaccurate.

..

At first, I did not understand the uproar on Twitter because I thought this notification system has been in place for a couple of years now.

..

When I asked why the uproar now when this has been going on for at least a couple of years now, people told me that the difference is that in the past you had to register for the service to to receive the notification text messages. Now, they said, you get the messages even if you don’t register with the ministry.

This doesn’t make sense. How is it possible for the Ministry of Interior (MOI) to send you these messages if you don’t give them your number?

As you can see here, you opt for the service. If you don’t want to get the SMS notifications then simply don’t register with the ministry. If you registered and want to opt out, the TOCs say at the end that “Both, Subscriber and MOI have the right to end the subscription at any time without showing cause.” Opting out does not mean that your dependents would no longer need permission for travel, but rather that you would have to visit the passport office to issue the permit instead of doing that conveniently online.

Das ist auch alles nicht schön, in keinster Weise. Aber ein bisschen anders als: (nur) die saudischen Frauen kriegen neuerdings elektronische Fußfesseln.

Gehört auch zum echten Qualitätsjournalismus: nicht alles unbesehen abschreiben.

Disclaimer: ob das stimmt, was Riyadh Buereau schreibt, kann ich nicht beurteilen.

 

Bild: Flickr, CC-Lizenz, by Anduze traveller

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