Neulich bei Twitter: Post-Privacy oder was man dafür hält

©Ahoi Polloi. Danke!

Durch das Netz und zunehmend auch jenseits davon geistert seit einer Weile die Idee der „Post-Privacy“, oder „Nach der Privatsphäre“. Einige glauben, dass wir das Bedürfnis nach Privatsphäre überwinden müssten, weil das letztlich besser für uns sei. Und sowieso auch gar nicht zu ändern, dass es so kommen wird. Ich bin anderer Meinung.

Aus mir weitgehend rätselhaften Gründen kulminiert die Debatte immer wieder am Beispiel Google Street View, obwohl sich das dazu nicht besonders gut eignet. Aber ist natürlich sehr schön plakativ. Und weil die Bilder jetzt da sind, gibt es auch gerade wieder Text dazu, z.B. Digitale Zwangsneurosen von Benedikt Köhler/Slow Media, Das ist die Vorstufe zur Zwangsräumung von Don Alphonso /FAZ-Blogs, dazu auch Jeff Jarvis ist verärgert, auch Don Alphonso/Rebellmarkt. Jeff Jarvis ist gewissermaßen der Guru dieser Glaubensrichtung. Für einen Glauben halte ich das, seit ein weiterer Verfechter, Christian Heller, mir im Frühjahr bei einer Veranstaltung zum Thema erklärte, dass die ganze Post-Privacy-Theorie nicht für das Hier und Jetzt, sondern quasi als Utopie, für nach der Abschaffung der Herrschaftsverhältnisse, gedacht sei.

Am Abend des 26. Oktober entspann sich bei Twitter dazu eine längere Diskussion, was an sich schon ungewöhnlich ist – sowohl für Twitter (wegen der max. 140 Zeichen) als auch für das Thema. Meist wird über- statt miteinander geredet. Es gab von mehreren Leuten die Bitte, dies der Nachwelt zugänglich zu machen – bitte sehr:

(Einige Erklärungen, wie das zu lesen ist, stehen unten)

  1. mspro
    ist ein „recht auf anonymität“ ein recht auf identitätskontrolle und damit auf „informationelle selbstbestimmung“? /cc @plomlompom
  2. annnalist
    Die Post-Privatisten haben den Unterschied zwischen technisch möglich und real umgesetzt nicht verstanden
  3. mspro
    @annnalist es gibt da noch dieses „technisch nicht aufzuhalten“.
  4. annnalist
    @mspro Das erinnert mich alles an ‚Verschlüsseln ist nicht sicher. Wenn genug Rechner aneinandergehängt werden, ist es zu knacken‘
  5. annnalist
    @mspro Praktisch findet das aber nicht statt
  6. mspro
    @annnalist es geht nicht um verschlüsselung sondern um menschen. wenn sich dein nachbar transparent macht, wirst du auch mal ins bild laufen
  7. annnalist
    @mspro Ich weiß, dass es nicht um Verschlüsselung geht. Ich rede von abstraktem Technik-Fetischismus ohne Realitäts-Rückbindung Weiterlesen

Autistici-Server beschlagnahmt

Am Freitag wurde in Norwegen ein Autistici-Server beschlagnahmt, auf Antrag der italienischen Justiz. Die Festplatten wurden kopiert. Autistici ist ein italienisches Technik-Kollektiv, das u.a. die noblogs-Plattform hostet, auf der auch annalist liegt. Neben noblogs.org bieten sie Webspace, Mailingslisten, Mail-Accounts etc. etc. an.

Vorläufig ist (mir jedenfalls) nicht bekannt, weswegen der Server beschlagnahmt wurde, Autistici nehmen aber an, dass es lediglich um einen User/Website/Mailingliste geht. Nichtsdestotrotz wurde alles kopiert und daher fordert Autistici alle, die Websites und/oder Mail-Accounts oder -listen bei Autistici haben, auf, alsbald ihre Passwörter zu ändern.

Da ja hoffentlich in absehbarer Zeit bekannt wird, was die Ursache war, wird es hier bald Updates dazu geben.

Autistici bittet dringend um Spenden, um einen neuen Server kaufen zu können.

A propos Sicherheit

Flugsicherheit ist wieder in aller Munde. Passend erzählte mir heute Andrejs Anwältin eine Geschichte, die untergegangen war:

Als Andrej festgenommen worden war, wurde er zuerst ins Berliner LKA am Tempelhofer Damm gebracht und dann mit dem vielzitierten Hubschrauber zum Bundesgerichtshof geflogen, wo der Haftbefehl beantragt und dann auch beschlossen wurde. Christina (Clemm), die Anwältin, flog im Flugzeug hinterher, um dabei zu sein.

Vorher sagte sie mir, ich sollte ein paar Sachen für Andrej zusammenpacken. Ich kann mich an die Details nicht erinnern, aber gut an das Gefühl dabei. Sehr surreal. Was packt man jemandem für den Knast ein? Gibt es da Zahnpasta? Machen Sportsachen Sinn? Bücher? Wieviele? Für wie lange?

Falls Ihr je in die Situation kommt: Papier und Stifte sind wichtig. Briefmarken.

Ich weiß auch nicht mehr, was ich eingepackt habe, außer das eine Dose mit einem Stück Kuchen vom Kindergeburtstag am Tag vorher dabei war.

Christina nahm den kleinen Rucksack mit, hatte kein Gepäck, weil sie in Karlsruhe ja nicht bleiben wollte und reichte am Flughafen alles, was sie dabei hatte, als Handgepäck ein. Auch sie war mit anderen Sachen als Reiseorganisation beschäftigt. Die Fassungslosigkeit beim Check-In war entsprechend. Duschgel, Zahnpasta, eine Flasche Wasser.. wie gesagt, ich weiß nicht, was noch, aber es waren mehr als 100 ml Flüssigkeit.

Da standen sie sich gegenüber, Flugzeug kurz vor Take-Off, der Bundesgerichtshof wartet nicht.

Die Security-Frau: „…?“.
Christina, überrascht: „Oh – aber es ist ja auch gar nicht mein Gepäck! Das habe ich von jemand anderem bekommen!“
Security-Frau:“?!?!???“

Sie ließ sie durch. Mit dem gesamten Terroristengepäck. Glücklicherweise ist nichts explodiert.

Dass er das dann alles auch mit in den Knast nehmen durfte, wo ordentliche Terroristen selbst neugekaufte Bücher nur eingeschweißt und direkt von ausgesuchten Buchhandlungen erhalten dürfen, hat später Christina ziemlich fassungslos gemacht. Auch den selbstgebackenen Kuchen.

Der Jemen hat übrigens bereits am Samstag bekannt gegeben, dass keine UPS-Frachtfugzeuge den Jemen am Tag des ‚Bombenfundes‘ verlassen haben und es sowieso gar keine solchen Direktflüge in die USA oder nach Großbritannien gibt.

Lunch Lecture 63

Ich habe die Aufnahme der Lunch Lecture 63 bei der Documenta 12 auf meinem Rechner (wieder) gefunden.

Diese Veranstaltung fand am 15. August 2007 statt, zwei Wochen, nachdem Andrej festgenommen worden war. Er saß in Untersuchungshaft in Berlin Moabit. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt von der Lunch Lecture überhaupt nichts mitgekriegt.

Drei Jahre später gehört fand ich sie bewegend. Es ist den Beteiligten anzumerken, wie nah ihnen die Geschichte geht.

Im ersten Teil sprechen Stefan Schrage, Anwalt im Verfahren, Carmen Mörsch, Junior-Professorin an der Uni Oldenburg und Ingo Stützle, Soli-Gruppe (jeweils im August 2007).

http://annalist.noblogs.org/files/2010/10/Lunchlecture63-070815-1.mp3 (37:25 Min) (mp3, 34 mb)

In Teil zwei kommen andere Dokumenta-Beteiligte zu Wort, u.a. mit dem Beispiel eines Brandanschlags in Kassel, der mit der Dokumenta in Verbindung gebracht wurde, der Geschichte von Steve Kurtz, der jahrelang in den USA als angeblicher Bioterrorist verfolgt wurde und den Begleiterscheinngen einer Lesung von Dokumenten zu Militärtribunalen in Guantanamo während der Documenta.

(23:10 Min) (mp3, 21mb)

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Wikiperiment

Über den Versuch, bei Wikipedia einen Link einzubauen – Drama in neuneinhalb Akten

Karteikästen in der Leipziger BibliothekEnde September fand in Leipzig die Wikipedia-Konferenz „Ein kritischer Standpunkt“ statt. Ich war zur Teilnahme an der Podiumsdiskussion zum Abschluss eingeladen (Video unten), obwohl und vielleicht auch weil ich die Interna von Wikipedia nicht gut kenne (Bericht im Konferenz-Blog).

Meine Rolle war, die kritische Außensicht zu repräsentieren, was nicht bei allen gut ankam. Eins meiner Argumente war (und ist), dass ein Projekt wie Wikipedia seine unterschiedlichen Standbeine gleichmäßig belasten sollte: es ist nicht nur Enzyklopädie, nicht nur online, sondern auch partizipativ und transparent. Jedenfalls dem Anspruch nach, und nur deswegen ist es, was es ist. Diese verschiedenen Seiten machen das Spezielle von Wikipedia aus und ein nicht unwesentlicher Teil von Kritik resultiert aus der Vernachlässigung der letzten beiden Punkte.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, sie zu berücksichtigen. Und ich weiß nicht, was im Detail alles unternommen wird, um Wikipedia für neue AktivistInnen attraktiv zu machen. Ich bin aber weiter der Meinung, dass nicht annähernd genug getan wird, um ein tatsächlich partizipatives Projekt zu sein.

Drama in neuneinhalb Akten

Wie sich das in der Praxis gestaltet, beschrieb Daniel Voelsen diese Woche im Theorieblog: Wikipedia: freies Wissen oder Wahnsinn?. Er hatte sich ernsthaft bemüht, einen Link zu einer Liste von “Professuren im Bereich der politischen Theorie und Philosophie” im Artikel “Politische Theorie und Ideengeschichte” unterzubringen. Ein Drama in neuneinhalb Akten.

Fazit: Nachdem mir erst wochenlang keiner glauben wollte, dass unser Link keine Bereicherung für die Wikipedia ist, nachdem niemand mit mir ernsthaft darüber diskutieren wollte, hat die Admin-Gang von Wikipedia sich die Liste nun einverleibt. Und versucht auch sonst, meine Aktivitäten dort zu unterbinden.

Auslöser für sein Experiment war ein Artikel in der FAZ über die Konferenz: Einst basisdemokratisch, jetzt ein exklusiver Club.

Im Übrigen: Selbstverständlich habe ich kein Patentrezept, wie das Ruder bei Wikipedia herumzureißen wäre. Ich bin aber ziemlich sicher, dass „Haben wir schon alles probiert“ nicht reicht. Und ich verstehe gut, dass der alltägliche Kleinkram und die harsche Kritik keine Luft für Veränderungen lässt. Das habe ich selber anderswo auch erlebt. Aber dann geht ein wesentlicher Teil der Idee Wikipedia verloren, wenn er nicht schon verschwunden ist. Und die Welt dreht sich weiter.

Bild: Rob Irgendwer, CC-Lizenz

Wer hat uns verraten..

Die SPD ist ja selten verlegen, uns daran zu erinnern.

Der Unterausschuss Neue Medien des Bundestages behandelte heute den Antrag der Grünen, die Vorratsdatenspeicherung auch nicht über den Umweg EU zuzulassen. Das Ergebnis, getwittert vom Mitarbeiter des grünen MdB Konstantin von Notz:

Votum UA NM grüner Antrag „Keine VDS über Umweg Europa“: Linke/Grüne dafür, SPD Enthaltung, CDU/CSU u. FDP dagegen, für #vds

Als nächstes beantragte Die Linke, die Online-Durchsuchung aufzuheben. (Ob das auch im Unterausschuss Neue Medien oder aber im Innenausschuss stattfand, ist nicht richtig deutlich, aber vielleicht finden wir das ja noch raus)

twitter.com/JoernPL

@spd_netzpolitik netzpolitische Trauerspiel der SPD geht weiter: Stimmt mit Koalition gegen linken Antrag „Aufhebung Online-Durchsuchung“

Die Erklärung dafür würde mich interessieren, obwohl ich eine Ahnung habe, dass es irgendwelche Sachzwänge gegeben haben muss und die SPD selbstverständlich weiter an vorderster Front der Digital Natives zu finden ist.

Bei daten-speicherung.de gibt es noch mehr solche Beispiele: das Abstimmungsverhalten der Parteien zu Überwachungsgesetzen von 1956 – 2009. Warum wird das eigentich nicht weitergeführt?

Credit goes to Björn Grau, der das zuerst fand.

Deutsche Medien bestehen vor allem aus Männern

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Wissen wir alle, steht ja auch im Grundgesetz, und bis auf ein paar ewig mäkelnde Männerhasserinnen haben es inzwischen die meisten begriffen. Bleiben noch ein paar, die zuviel (oder zuwenig, je nachdem) Judith Butler gelesen haben, und zu zucken beginnen, wenn überhaupt Wörter wie „Frauen“ und „Männer“ vorkommen.

Geblieben ist so Kleinkram, wie ich gerade in meinem Gewerkschaftsblättchen fand: Die Situation von Frauen in den Medien ist einigermaßen unwürdig.

Lediglich 24% der Menschen in den Nachrichten sind weiblich. Deutschland liegt mit 21% unter dem internationalen Durchschnitt.

Das ist eins der Ergebnisse im Abschlussbericht des Global-Media-Monitoring-Project GMMP Who makes the News?, der bereits im September vorgestellt wurde (geriet das eigentlich in die Medien?). Seit der UNO-Frauenkonferenz 1995 beobachtet das Projekt die Präsenz von Frauen in den Medien und hat jetzt zum vierten Mal ermittelt,

wie häufig die beiden Geschlechter in Presse, Radio, Fernsehen und Internet vorkommen, wie sie dargestellt werden und wer diese Bilder produziert.

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„Sicherheit oder Freiheit“ Samstag morgen im SWR

diverse Kameras (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)Frühaufsteher_innen haben am Samstag die seltene Gelegenheit, Andrej Holm, Otto Depenheuer, Constanze Kurz, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Wolfgang Nešković, Hans-Ludwig Zachert und mich in einem Film zu erleben. (Alle anderen könnten ihre Aufnahmegerätschaften programmieren.) Ich finde ihn sehenswert, und das nicht, weil wir auch darin vorkommen.

Update: Bei Planet Schule gibt es den Film bereits jetzt online, leider nicht zum Einbinden. (Danke SKUDIJ!)

Das SWR-Schulfernsehen strahlt um 7:15 nochmal „Sicherheit oder Freiheit„, Teil der Reihe „Quo vadis BRD?“, aus:

Biometrische Ausweise, Datenvorratssammlung, Rasterfahndung, neue Überwachungsmethoden: Dies sind nur einige der staatlichen Maßnahmen, die den Bürger in Deutschland vor Gewalt oder Terrorismus schützen sollen. Aber greift der Staat damit nicht zu sehr in die Freiheitsrechte der Bürger, wie sie im Grundgesetz niedergelegt sind, ein? Am Beispiel des Berliner Soziologen Andrej Holm, der seit 2007 fälschlicherweise in die Mühlen massiver Ermittlungsmethoden gerät, wird die Frage erörtert, ob der Staat oder die Bürgerrechte vorrangig zu schützen sind. Zu Wort kommen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der ehemalige Chef des Bundeskriminalamtes Hans-Ludwig Zachert, der Kölner Rechtsprofessor Otto Depenheuer und der Ex-Bundesrichter und Parlamentarier Wolfgang Neskovic.

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Web 2.0 Suicidemachine, Arscenic.tv und iRights.info Donnerstag in Berlin

Morgen gibt es eine exquisite Veranstaltung in Berlin, die mehr Aufmerksamkeit verdient:

Kunst Apotheke Salon
20-23 Uhr im Alten Finanzamt, Schönstedtstraße 7 im Hof, U7 Rathaus Neukölln

Mit drei Präsentationen zu Web 2.0 Suicidemachine, Arscenic.tv und iRights.info

Der Text dazu:

Kiss or Kill Facebook? 500 million friends, 33 billion business, even Hollywood now wants to cash in with the new release film ‘The Social Network.’
What are we without having our ’faces’ on Facebook?
What have we become when we have more ‘friends’ online than in real life?
Will the hype for social networking tip over?

Today, most social networks are invested by financial conglomerates, what are the consequences of digital citizen’s voluntary disclosure of their private life online?
Will these social networks transform the Big Brother into a banal controlling system?
Are we evolving into a denounced population through these self surveillance tools?
Will total disconnection be the only alternative?

Mit:

Web2.0 Suicidemachine
moddr_ from Rotterdam/Berlin (Danja Vasiliev, Gordan Savicic and Walter Langelaar) are experimentalists and interventionists on the edge of digital life and everyday technology.

Arscenic.tv
Quentin Drouet – meida art curator/Spip program developer – Luxembourg/Berlin

iRights.info
Valie Djordjevic – editor of iRights.info/FACES mailing list coordinator – Berlin