Des Kaisers neue Kleider

Schlagzeile der Berliner Zeitung heute:

Chipkarte für jeden Arbeitnehmer
Lohn- und
Gehaltsdaten sollen künftig auf elektronischem Ausweis gespeichert
werden Wirtschaftsminister Glos erwartet Milliardeneinsparungen /
Kabinett entscheidet morgen

Schlagzeile der Frankfurter Rundschau, auch heute:

Adresse, Passbild, Religion
Bürgerdaten frei Haus
Wo genau wohnt eigentlich Günther Jauch und welche Nummer hat sein
Personalausweis? Bis zum vergangenen Freitag ist es ein Leichtes
gewesen, die Meldedaten von 150 000 Potsdamern zu lesen.
Religionszugehörigkeit, Geburtsdatum, Ehepartner – alles stand frei
zugänglich im Internet, ein Mausklick genügte.

Dazu muss eigentlich gar nichts mehr gesagt werden. In einem bekannten Märchen von Hans Christian Andersen sagte ein kleines Kind, das nicht begriff, warum der Kaiser so offensichtlich log, obwohl es doch alle sehen konnten, wie sehr er log: "Aber er hat ja gar nichts an!". Im Fall Freiheit vs. Sicherheit ist das leider schon sehr oft gesagt worden, ohne dass irgendeine Hoffnung auf Besserung bestünde. Nachzulesen täglich etwa bei http://www.abgeordnetenwatch.de/.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Bundestagsdebatte zum BKA-Gesetz. Ein hübsches Zitat zum Appetitanregen:

Ich finde es sehr spannend, Herr Kollege Wiefelspütz, wie Sie am
Dienstag um 13 Uhr auf einer Pressekonferenz sagen können, dass Ihre
Fraktion das nicht mitmacht, und um 15 Uhr genau dieselbe SPD-Fraktion
dem Gesetzentwurf einfach so zustimmt. (Gisela Piltz, FDP)

Ansonsten habe ich mir heute zwei neue Bücher gekauft, "Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht" von Heribert Prantl und "Globalisation, Democracy and Terrorism" von Eric Hobsbawm und fürchte, dass ich davon auch keine bessere Laune kriegen werde.

7 thoughts on “Des Kaisers neue Kleider

  1. Tjo was soll machen außer Petitionen, Proteste etc… Wird ja alles ignoriert von den Flaschen in Berlin…

    I say „Welcome“ to our new, old Overlords -.-

  2. Piratenpartei wählen und unterstützen – mitmachen. Aus genau diesem Grund hat sich die Partei gegründet. Weil anders nicht anzukommen ist gegen die Ignoranz. Erst wenn die Piraten in die Parlamente kommen wird das Thema WIRKLICH ernst genommen.
    Grüße

  3. der prantl ist hervorragend. wenn dich die lektüre sehr anstrengt, schieb doch noch das bändchen über demokratie von christoph möllers bei wagenbach hinterher. das ist sehr erfrischend und nennt die dinge trotzdem beim namen.

    @tobias: die erwähnten bücher lesen und drüber reden ist auch schon ein anfang. verzagen liegt zwar nahe. sollte es uns nicht aber zu affirmativ sein?

    .~.

  4. @Bernard Sommer: Sollte die Piratenpartei in den Parlamenten ankommen, wird sie das Thema auch nicht mehr ernst nehmen. Siehe Grüne, Linke, etc.

  5. @Rolf
    Dann wäre es deine Sache nun sich zu engagieren und dafür zu sorgen das dies nicht passiert. Anhand der Negativbeispiele kann man lernen. Darum wurde ja auch eine neue Partei gegründet und nicht eine ‚Plattform‘ in einer bestehenden eröffnet. Obwohl die viel bequemer wäre.
    Was ist die Alternative? Sich in den NGOs (was viele Piraten auch tun) einbringen aber dann vom IM als ‚ein paar Hanseln‘ abstempeln lassen?
    Oder besser nichts tun?

  6. Zu einem kranken und korrupten System gehört dessen Grundverlogenheit. Kein Wunder, dass es bei Hitler einen Propagandaminister gab.

    Propaganda heißt Lug und Trug – damals wie heute.

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