Interviews mit schwedischen TerroristInnen

Mit "Terrorists – The Kids They Sentenced" startete gestern – wie schon beschrieben – das 6. ONE WORLD BERLIN Filmfestival für Menschenrechte und Medien im Arsenal. Der Eröffnungsfilm stellt ganz unterschiedliche junge Leute vor. Sie verbindet, dass sie an den Protesten gegen den EU-Gipfel 2001 in Göteborg beteiligt waren. Und hinterher zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt wurden. Sie beschreiben, warum sie da waren: weil sie demonstrieren wollten, weil sie eine bessere Welt wollten, weil sie die den Kapitalismus abschaffen wollten, weil sie Spaß haben wollten, weil sie anderen helfen wollten. In je unterschiedlichen Kombinationen.

Terrorists - The kids they sentencedIn Göteborg wurde auf die Demonstrierenden scharf geschossen, einer starb einer starb beinahe, einige wurden schwer verletzt. Eine Schule, die zur Unterbringung genutzt wurde (legal), wurden mit Containern eingezäunt und später geräumt. Viel davon ist in den Berichten über den G8-Gipfel in Genua einen Monat später untergegangen, dabei war Göteborg nicht weniger dramatisch. "Bisher wurden 60 Menschen zu insgesamt 45 Jahren Haft
verurteilt", ist am Ende des Films zu lesen.

Im Film erzählt einer der Angeschossenen, wie knapp er überlebt hat, wie es sich anfühlt, wenn man meint zu sterben und wie er dann, gerade wieder in der Lage zu laufen, inhaftiert wurde. 

Eine Mutter und ihre Tochter berichten über die Atmosphäre in der eingeschlossenen Schule. 

Eine junge Frau beschreibt den Lachkrampf, den sie bekam, als sie später in ihrer Wohnung von maskierten Polizisten in Overalls und mit Lasergewehren (?) aus dem Bett geholt wurde.

Ein junger Mann erklärt, warum es angesichts der Zustände wichtig ist, sich auch geheim zu organisieren.

Eine Mutter fängt an zu weinen, als sie über den Besuch im Knast bei ihrem depressiven Sohn erzählt. Mehrere haben im Knast zwangsweise Psychopharmaka bekommen.

Der Film ist nicht unanstrengend, immerhin besteht er zum größeren Teil aus Interviews. Ich finde ihn sehr sehenswert, denn ich habe bisher keinen Film gesehen, der sich so ausführlich den Motiven und Erlebnissen verschiedener Leute widmet, die dann massiver juristischer Verfolgung ausgesetzt waren und letztlich zu Terroristen gemacht wurden.

Zum Download gibt es ihn beim Indymedia-Videoportal:

Terrorists – The Kids They Sentenced, schwedisch mit engl. Untertiteln, 1:26 Min, 561mb, avi.

Aus einem Text zu den 46. Nordischen Filmtagen Lübeck:

Die Filmemacher Lukas Moodysson („Raus aus Amal“, „Zusammen“) und Stefan Jarl fanden über ihre Stellungnahmen in der schwedischen Presse zueinander. Mit „Terrorists“
wollten sie die öffentliche Diskussion anregen. Doch schnell wurde
ihnen klar, dass sie den Film ohne finanzielle Unterstützung würden
realisieren müssen. Nach den ersten Aufführungen reagierte die Presse
mit scharfer Kritik und bezeichnete die Filmemacher u.a. als
schwedische Antwort auf Leni Riefenstahl.

(…)

„Mit dem Film
wollten wir den so genannten Terroristen eine Stimme geben, sie ihre
Geschichte erzählen lassen“, erklärt Jarl während seiner Masterclass
auf den Nordischen Filmtagen. Die angeblich militanten Terroristen
entpuppen sich vor der Kamera als politisch links-orientierte
Jugendliche, denen knapp zwei Jahren später der Schock der Verhöre und
Behandlung mit Psychopharmaka während des Polizeigewahrsam noch in den
Knochen steckt. Sie äußern ihre Angst vor einem globalen, ungezügelten
Kapitalismus, der es den Industrienationen erlaubt, in einem Land
billig zu produzieren, um in einem anderen teuer zu verkaufen.

Eröffnung des Festivals

Bei der gut besuchten Eröffnung des Filmfestivals gestern gab es übrigens auch noch einen Clip, der zur Unterstützung der Kampagne gegen das §129(a)-Verfahrens gegen angebliche Mitglieder der militanten gruppe gedreht wurde. Dafür gab es Applaus – gibt’s ja nicht alle Tage.

Rolf Gössner als Schirmherr hielt einen längeren Beitrag, der einen guten (ziemlich langen) Rahmen um die Themen Bürgerrechte und Innere Sicherheit spannte. Schön wäre, wenn es den online gäbe, aber mit Blick auf seine Website würde ich annehmen, dass das noch ein bisschen dauern wird.

Insgesamt war das ein guter Auftakt für’s Festival mit auch weiter sehr gutem Programm und sympathisch unprofessionellem Chaos in der Veranstaltung.

Berichtet haben schon die junge Welt: Der kleine und der große Terror, Tagesspiegel Stasi beim Volvo-Ballett, Neues Deutschland "One World" für Menschenrechte.

3 thoughts on “Interviews mit schwedischen TerroristInnen

  1. Danke für den Link zum Film. Hier in Schweden haben es leute wie ich nicht einfach andere von der Wichtigkeit solcher Themen wie Bürgerrechte zu überzeugen.

  2. Das jemand bei den Göteborg-Protesten gestorben ist, ist mir neu. Woher hast Du das?

  3. Stimmt, das hatte ich falsch in Erinnerung. Ist korrigiert. ‚Fast gestorben‘ ist richtig.

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