Gefährder – Filmstart nächste Woche

deutschland 09 PlakatHans Weingartners Kurzfilm "Gefährder" über Andrejs Festnahme und ein paar Hintergründe kommt nächste Woche in die Kinos. Nicht allein, sondern zusammen mit 12 anderen Kurzfilmen im insgesamt 2,5 Stunden langen Film "Deutschand 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation". Das hatte ich vor einem Monat schon beschrieben, als der Film bei der Berlinale Premiere hatte.

Da hatte ich auch schonmal einen Pressespiegel erstellt. Der Kinostart in Berlin ist am Donnerstag in der Kulturbrauerei. Wer wissen will, wann er woanders läuft, bitte hier entlang. Ich fand einige gut, einige interessant, einige schlecht. Der ganze Film ist wirklich sehr lang.

Auf der Website zum Fim gibt’s allerhand Schnickschnack – ein Presseheft, die obligatorischen Facebook-, Myspace– und Youtube-Seiten. Dazu Aufrufe, sich am Kurzfilmwettbewerb zum Thema "Deutschland 09" zu beteiligen und darüber zu bloggen.

Interessant fand ich das Interview mit Hans Weingartner dazu (s.u.), warum er den "Gefährder" gemacht hat (Andrej wird aber mit j, und nicht mit ´ geschrieben..).

Ansonsten bleibt mir nur, darauf hinzuweisen – in Übereinstimmung mit dem Regisseur -, dass es sich um Fiktion
handelt. Insbesondere, was die Rolle der Frau des Boris (=Andrej) im
Film angeht. Viel Spaß, oder vielleicht besser Erkenntnis, beim
Gucken. 

Was war der Auslöser für „Gefährder“?

Hans Weingartner: Zuerst einmal fand ich es gut, dass sich Regisseure – sonst ja eher
Spezies Einzelkämpfer – mal zusammentun und gemeinsam etwas machen –
diese Idee allein hat mich davon überzeugt, bei DEUTSCHLAND 09
mitzumachen. Ich bin dann auf die Geschichte von André Holm gestoßen
und wusste ziemlich schnell, dass ich diese Geschichte machen will,
weil das Thema aktuell ist und sich noch verschlimmert, zum Beispiel
durch das neue BKA-Gesetz.

Wie war es für Sie, seit langem wieder einen Kurzfilm zu drehen?

Es ist gar nicht so leicht, man muß extrem dicht erzählen. Ich kann nur
sehr wenig zeigen von den Charakteren, den Hauptteil muss der Zuschauer
in seiner Fantasie dazu erfinden. Auch beim Drehen steht man ziemlich
unter Druck, weil man weiß, dass jede Szene funktionieren muss, weil
jede Szene im Film landet. Ich arbeite sonst gern mehr mit freier
Improvisation, Versuchen und Experimenten, das war da nicht möglich. Wo
du im Spielfilm 20, 30 Minuten für die Exposition hast, hast du im Kurzfilm höchstens zwei Minuten –
das war eine ganz schöne Herausforderung. Ich habe viel gelernt dabei.

Sie haben für Ihren Film ausführlich
recherchiert, viel gelesen, sich mit André Holm getroffen, mit Experten
der Sicherheitspolitik und Überwachungstechnik. Was waren Ihre
Erkenntnisse?

Die Fakten liegen ja auf dem Tisch, die sind jedem zugänglich. Der Fall
ist genau so passiert. Meine Frage war: Warum haben die das gemacht,
warum haben die den André Holm elf Monate überwacht? Die müssen doch
ziemlich schnell gemerkt haben, dass da nichts dran ist. Dann habe ich
herausgefunden, daß das BKA im Zuge der Überwachung auch 4000 Leute aus
seiner Umgebung erfaßt hat. Dann bin ich auf diese Antiterrordatenbank
gestoßen, die es ja wirklich gibt, und habe daraus die These
entwickelt, dass es gar nicht darum ging, Terroristen zu verfolgen,
sondern darum, die links-politische Szene zu durchleuchten. Es gibt ein
Statement des Sprecher der Generalbundesanwältin, das sich jeder auf
YouTube angucken kann: Auf die Frage, warum im Vorfeld des G8-Gipfels
40 Wohnungen in ganz Deutschland durchsucht wurden und ob es
Anhaltspunkte für die Bildung einer terroristischen Vereinigung gab,
hat er offen gesagt: Nein, wir klopfen da nur auf den Busch und schauen
mal, was sich bewegt… das heisst der Paragraph 129a wird ganz
offiziell als Vorwand benutzt, um Menschen auszuspionieren. Ein klarer
Rechtsmißbrauch. Meiner Ansicht mischt sich der Staat da in Dinge ein,
die ihn verdammt nochmal nichts angehen. Globalisierungsgegner sollten
in einer Demokratie das Recht haben ihre Meinung frei zu äußern und
zwar ohne Angst, dafür drangsaliert zu werden, und Hausdurchsuchungen
und Abhören, das ist eine Drangsalierung, meiner Ansicht nach. Holm war
einer der Vorbereiter der letzten G8 Proteste, es ist also sicher kein
Zufall, daß sie ausgerechnet ihn überwachten, und auch der Zeitpunkt,
eben kurz vor dem Gipfel, war sicher kein Zufall.

Die Antiterrordatenbank faßt Geheimdienstinformationen und
Polizeinformationen zusammen. Das ist verfassungswidrig, denn
Geheimdienste unterliegen fast keiner legislativen Kontrolle und
ermitteln ohne staatsanwaltlichen Auftrag. Im dritten Reich, beim
Reichssicherhautshauptamt, hat man ja gesehen was bei so einer
Vermischung rauskommt, deswegen ist es ja auch laut Grundgesetz
verboten. Kümmert nur keinen. Das Problem, worum es in meinem Film
geht, ist einfach: Wie konnte es passieren, dass jemand wie André Holm
zum Terroristen gestempelt wird. Wer ist Terrorist heutzutage? Zuerst
einer der Bomben schmeisst, dann irgendwann jeder der demonstrieren
geht? Wie schnell verschwimmen da die Begriffe? Man versucht, ein
Umdenken in Richtung Präventivmaßnahmen, Vorbeugehaft herbeizuführen.
Da fordert Schäuble allen Ernstes, sogenannte „Gefährder“ erstmal
einzusperren, damit sie keine Terroranschläge begehen können. Und jeder
denkt dann an irgendwelche Islamisten, die eine Bombe bauen, oh, das
sind Gefährder, ja! Aber dass so jemand wie André Holm, ein harmloser
Unidozent, der politisch aktiv ist, dann plötzlich als „Gefährder“ im
Knast landet, daran denkt keiner.

Glauben Sie daran, dass Filme politisch etwas bewirken können?

Was ich als Filmemacher versuche, ist, der staatlichen Propaganda, die
zum Beispiel Schäuble über die Medien intensiv betreibt, etwas entgegen
zu setzen. Dessen Interviews erscheinen regelmässig in den Leitmedien
und im staatlichen Fernsehen. Die Kritiker und Gegner kommen kaum zu
Wort. Bei diesem Film ging es mir darum, die Fakten zu zeigen und den
Fall möglichst nüchtern und klar zu präsentieren. Und den Rest der
Interpretation des Zuschauers überlassen. Ich denke, ein Film kann
nicht viel bewirken, aber viele Filme schon. Und wir erleben ja in
letzter Zeit, dass Film wieder politischer wird. Irgendwo muss man
anfangen, und das Bewusstsein der Menschen zu ändern, ist ein erster
Schritt – und dass kann Film wirklich leisten, finde ich.

 

(Quelle: http://deutschland09-der-film.de)

 

6 thoughts on “Gefährder – Filmstart nächste Woche

  1. Hi Annalist,

    apropos Film – allerdings nicht kurz –

    Auf arte läuft z.Zt. eine interessante Sendung, „Zur Sache“ über
    Datenschutz, Überwachung etc.

    Lt. Chat dort ist diese aber nur eine Woche im Web verfügbar, unter
    arte+7 (was immer das heißen soll – ich bin nicht geübt im besuchen der
    arte-Seiten, und habe nur diesen Link, der die Sendung als Schnipselsammlung offenbar zugänglich macht:

    http://www.arte.tv/…Frage-der-Woche/2526706.html

    Schade, daß es nach einer Woche vom Netz genommen werden soll, vielleicht schafft es der ein oder andere sich das vorher anzusehen.

  2. Pardon. Der Link führt nur zum Trailer, darunter ist ein weiterer Link „Sie können die Sendung eine Woche lang … “ der zur Mediathek führt – dort muß man zur Sendung „Zur Sache“ scrollen (z.Zt. nach rechts, aber das ändert sich villeicht laufend).

  3. Vielleicht hast du das schon gelesen. Aus einem längeren Artikel, der im Freitag erschienen ist: in diesem Film (…) „wird der politische Skandal eingelullt von einer sich sorgenden Lebenspartnerin, die ihren wieder entlassenen gatten im Stile eines Fünfziger-Jahre-Heimchens darum bittet, doch von der Politik zu lass zugungsten des Privaten“ usw. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Aber das ist schon starker Tobak.

  4. Danke für den Hinweis auf die Ausstrahlung von Deutschland 09 heute. Ich bin abermals schockiert, was euch da passiert ist. Im Kontext der anderen Filme, die in der Anthologie laufen, wird die Tatsache verwischt, dass die Begebenheit wahr ist.

  5. Hallo!

    Das muss man wiederholen, so treffend wie es ist:

    „Die Antiterrordatenbank fasst Geheimdienstinformationen und Polizeinformationen zusammen. Das ist verfassungswidrig, denn Geheimdienste unterliegen fast keiner legislativen Kontrolle und ermitteln ohne staatsanwaltlichen Auftrag. Im dritten Reich, beim Reichssicherhautshauptamt, hat man ja gesehen was bei so einer Vermischung rauskommt, deswegen ist es ja auch laut Grundgesetz verboten.

    Kümmert nur keinen!“

    SO IST ES, Herr Hans Weingärtner!

    „Irgendwo muss man anfangen, und das Bewusstsein der Menschen zu ändern, ist ein erster Schritt – …, finde ich …“

    … und ich auch!

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