Pscht. ... Hallo  ... Ja, Sie. Haben Sie heute noch was vor? Das kommt jetzt vielleicht etwas überraschend, aber.. was halten Sie davon: wollen wir nicht eine terroristische Vereinigung gründen? Sie und ich, und vielleicht noch Ihre Tischnachbarin? Zu dritt kriegen wir das hin.

Absurd? Ja, in verschiedener Hinsicht. Zum einen gibt ja wirklich angenehmere Arten, den Abend zu verbringen (oder die Welt zu verändern). Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass irgendwer sich vorstellen kann, dass terroristische Vereinigungen so eben holterdipolter aus dem Boden gestampft werden. Mit einer Ausnahme: die Frau Generalbundesanwältin, kurz BAW, als Abkürzung ihrer Behörde Bundesstaatsanwaltschaft.

Noch mal kurz von vorn: wir warten seit Anfang Oktober auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) über eine Beschwerde der BAW gegen die Haftverschonung auf Kaution. Dafür hatte sich der Ermittlungsrichter am 22.8. entschieden. Seitdem ist Andrej, wie der Sicherheitsbeauftragte der JVA Moabit so schön theatralisch sagte, "ein freier Mann". Die BAW hat sofort Beschwerde eingelegt und darüber wird demnächst entschieden, ab dem 18.10. Die Gründe der Beschwerde sind bemerkenswert. Nach Ansicht von der zuständigen Unterbundesstaatsanwältin muss Andrej just deswegen sofort wieder in U-Haft, weil 1. zu befürchten steht, dass er sofort abhaut, wenn er draußen ist. Das begründet sie u.a. mit einem weiteren schnuckeligen Mitschnitt eines Telefonats zwischen Andrej und seiner Mutter irgendwann im Frühjahr (ein Wunder, dass die überhaupt noch telefoniert). Darin geht es um eine Bewerbung auf eine Stelle an einer Uni in den Niederlanden. Wie denn das gehen wird, wenn er da arbeitet, mit der Familie, fragte sie da. Und er antwortete, dass er dann, wenn das denn klappt mit der Stelle, vielleicht erstmal pendeln muss. Und dass wir vielleicht irgendwann nachziehen würden. Und was macht unsere Lieblingsbehörde daraus? Die angeblich so enge Bindung an die Familie ist ja wohl nicht gegeben = Fluchtgefahr, ganz klar! Bzw., falls das nicht reicht: er würde ins Ausland umziehen, mit Familie!

Mich würde brennend interessieren, was die Hartz-IV-Initiativen im Land dazu sagen.

Zumindest in dieser Sache hoffen wir, dass sich in acht Wochen, die er nicht geflüchtet ist, der Beschwerdegrund erübrigt hat. Aber es gibt ja noch mehr. Weiterhin findet die Dame, dass er womöglich nach Venezuela will, weil er ja gerade ein Buch über Venezuela herausgegeben hat. Und weil sie ja vermutlich alle Gesprächsprotokolle des BKA liest, weiss sie auch, dass er deswegen Herausgeber ist, weil die Gruppe, die das Buch gemacht hat, ihn als Zeichen ihrer Solidarität als Herausgeber benannt hat - anstelle der ganzen Gruppe. Zum Zeitpunkt der Entscheidung darüber saß er nämlich gerade in Moabit.

Mal angenommen, er flüchtet also nicht, dann ist er auf jeden Fall, sagt die BAW, eine so schreckliche Gefahr für die BRD, dass er auch deswegen besser in U-Haft aufgehoben sei, weil er draußen ständig verdunkeln würde. Die Zuversicht in die eigenen Überwachungsmaßnahmen scheint nicht sonderlich ausgeprägt, was mich ehrlich überrascht angesichts dessen, was allein für uns an Überwachungsaufwand permanent spürbar ist (zu den Videokameras komme ich später noch). Er könnte die Depots aufsuchen! Beweismittel vernichten! Von Depots war noch nie die Rede. Was hortet so der gemeine Terrorist, wenn er Intellektueller ist, in seinen Depots? Lebensmittel, für harte Winter? Bücher, die ins heimische Bücherregal nicht mehr passen, aber noch nicht gelesen sind und sich womöglich auch mit so kriminellen Dingen wie Marxismus und so befassen? Anleitungen für wirklich konspiratives Verhalten? (Wer Andrej kennt, weiss, dass ihn Technik eher befremdet; das fängt schon mit schlichten Software-Updates an, denen er sich in der Regel verweigert). Na schön, Depots also. Ich sehe ein, dass der BAW die Möglichkeit vernichteter Beweismittel ein Horror ist, nachdem sie ja schon am Sicherstellen des schwarzen Beutels im ersten Versuch gescheitert ist. Wenn aber die Existenz staatsgefährdender Depost zu befürchten ist, zu denen ausschliesslich Andrej Zugang hat, dann ist mir ein Rätsel, warum bei den Durchsuchungen unser Garten nicht umgegraben wurde. Vielleicht kommt das ja noch.

Das war aber noch nicht alles, ganz im Gegenteil. Das Schönste kommt zum Schluss. Die Wiederholungsgefahr. Und wie wiederholt der Terrorist? Genau. Und jetzt komme ich um das Zitat nicht drumrum:

"Erst recht besteht die ernsthafte Befürchtung, dass der Beschuldigte weitere erhebliche Straftaten gleicher Art begehen wird. Alle Umstände sprechen dafür, dass der Beschuldigte (...) eine neue terroristische Vereinigung gründen würde."

Ist das nicht wundervoll? Es ist wirklich kein Witz. Dies findet statt im Namen der Generalbundesanwältin der Bundesrepublik Deutschland. Da kommt keine Satire hinterher. Es bleibt die Frage, ob angesichts dieser sonst wahrscheinlich überall aus dem Boden sprießenden Terroristenherde nicht besser die Sicherungsverwahrung angesagt wäre.