Man könnte aktuell den Eindruck gewinnen, als seien mehr oder weniger alle für Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche und damit einhergehend quasi zwangsläufig die Altersverifizierung im Netz (die dann logischerweise für alle käme, denn sonst können bestimmte Altersgruppen ja nicht identifiziert werden).
Das ist natürlich Quatsch. Ich habe hier seitenweise Positionen von Expert*innen und Verbänden, die sich dagegen aussprechen oder jedenfalls sehr skeptisch sind. Bedauerlicherweise finden die in der aktuellen Berichterstattung wenig Platz, die sich darauf zu fokussieren scheint, welche Parteien und Politiker*innen sich als nächstes pro Verbot äußern. Häufig nicht die Fachpolitiker*innen. Die Expert*innen wie auch einige Fachpolitiker*innen weisen darauf hin, dass es für die Probleme von Kindern und Jugendlichen ganz verschiedene Ursachen gibt, dass Australien zeigt, dass die Umsetzung nicht gut funktioniert, dass auch Kinder und Jugendliche Teilhabe- und Informationsrechte haben und wichtige Informationen und auch Unterstützung im Netz finden. (Und noch ein Dutzend Argumente, die ich hier auslasse.)
Warum also gerade die Aufregung? Weil Verbote nichts kosten, weil markige Worte gut ankommen, weil es gut in den autoritären Drift passt, Grundrechte beiseite zu schieben, weil Medienbildung und Sozialpädagogik hässlich teuer sind und weil die Big-Tech-Unternehmen und die, die die Technik zur Altersverifizierung verkaufen, den Politiker*innen auf dem Schoß sitzen und sehr viel Geld für Lobbyismus ausgeben. Weil konservative Politik kein Interesse daran hat, diese Unternehmen in irgendeiner Weise einzuschränken und dafür zu sorgen, dass Soziale Netzwerke angemessen reguliert werden, damit all das, was – im übrigen auch für alle ab 18 – ein Problem ist, dort endlich aufhört.
Natürlich sehe ich die Schmerzen der Eltern, die jetzt eine Lösung wollen. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass mit diesen Altersgrenzen das verschwände, was Kindern und Jugendlichen in dieser Welt Angst macht und dazu verleitet, irgendwohin verschwinden zu wollen. Noch schlimmer aber ist, dass sie dann, wenn sie wissen, dass ihre Aktivitäten im Netz verboten sind, niemandem mehr davon erzählen werden. Es ist eine weit offene Tür für Cybergrooming und Dinge wie White Tiger.
Das Netz kann gefährlich sein, aber diese Lösung ist keine Lösung, sondern ein neues Problem.
Foto: Kati Köhler / Pixabay
@anne
Zunächst muss ich feststellen, dass du weder ein Argument gegen ein Verbot nennst, noch einen Lösungsvorschlag bietest, der nicht von der Güte der Big Tech Unternehmer abhängt, die sich über Regulierungen nur totlachen.
In diesem Zusammenhang empfehle ich dir und allen anderen sich den Podcast von Deutschland Funk Nova anzuhören, in dem Martin Andree (Medienwissenschaftler) u.a. auch Vorschläge macht, wobei ich den folgenden ganz besonders gut finde:
Er sagt, die Tür steht offen, wir können einfach gehen.
Aber nicht nur wir können ins Fediverse gehen, sondern wir können auch unsere Kinder, Enkel*innen, Tanten, Onkel, Freund*innen Bekannte, Kolleg*innen, Kund*innen, … mitnehmen.
Aber auch dann gibt es viel Geschrei, weil wir ja z.B. bereits 30.000 Follower*innen haben, Tante Berta und Parteifreund Heini ja auch da sind. Außerdem müssten wir uns ja an was Neues gewöhnen und das geht schon mal gar nicht. Überhaupt: Alles muss immer so bleiben wie es ist, natürlich auch dann, wenn sich immer alles auch geändert hat, aber das ist selbstverständlich irrelevant und das gilt natürlich auch für ein Verbot. Basta.
1/2
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/populismus-als-waffe-wie-big-tech-demokratie-und-oeffentlichkeit-kaputtmacht
Remote-Antwort
Ursprüngliche Kommentar-URL
Dein Profil
@anne
Oder geht es bei dem Verbot weniger darum, den Kindern und Jugendlichen etwas zu verbieten, sondern vielmehr darum, das Handeln von Erwachsenen einzuschränken, die leider nicht immer nur das Wohl der Kinder und Jugendlichen, sondern das eigene verfolgen?
Denn wenn ein solches Verbot kommen würde, dann müssten die Erwachsenen ihre Identität auf den Tisch legen.
D.h. bei der ganzen Diskussion geht es im Wesentlichen um die Einschränkungen, die die Erwachsenen und Unternehmen bei einem solchen Verbot hinnehmen müssten, nicht wie gerne auch suggeriert wird, um die Rechte der Kinder und Jugendlichen.
2/2
Remote-Antwort
Ursprüngliche Kommentar-URL
Dein Profil