Wir sind wieder in Berlin nach zwei Tagen Norddeutschland. Und beeindruckt von den Reaktionen hier und anderswo. Nachdem meine Texte bei fefe, gulli.com und ravenhorst, und dann vielen anderen* erwähnt wurden, katapultierte dieser Blog aus seiner kleinen Nische vor allem für FreundInnen und Familie in eine wesentlich größere Öffentlichkeit. Das freut uns natürlich und ist durchaus aufregend. Danke für die vielen unterstützenden Reaktionen!

Gestern abend waren wir kurz bei der Soli-Party der Fachschaft Sozialwissenschaften der HU für Andrej. Es war ziemlich voll. Am Eingang standen ein paar Leute, die engagiert allen, die reinkamen, Zettel mit Informationen über das Verfahren in die Hand drückten, und dann geriet ich kurz in moralische Schwierigkeiten. Direkt neben mir sagte gut verständlich einer zu dem neben ihm: "Und kennst Du schon den Blog von Andrejs Freundin?". Was macht man da? Dezent weitergehen? Sich vorstellen? Inkognito ins Gespräch einmischen? Ich habe mich gefreut und bin weitergegangen.

Viele sind vor allem geschockt davon, dass es sowas wie unseren aktuellen Alltag hier gibt. Ich kann nicht sagen, dass wir uns daran gewöhnt hätten, aber finde bemerkenswert, wie schnell es Alltag wird, eben hinzunehmen, dass da immer diese Männer herumstehen. Die nicht zu tun haben, als 10 Minuten abends auf der Straße einen Aufkleber an einem Laternenpfahl zu studieren, weil wir spazieren gehen und diskutierend einen Moment stehen bleiben. Als ich ihn bemerkte, musste ich grinsen. Er grinste zurück. Sehr surreal. Andere brauchen genauso lange zum Einkaufen wie wir, die wir einen Familien-Wochenendeinkauf machen, und finden nur eine Mineralwasserflasche. Gucken aber in alle Regale, in die wir auch schon geschaut haben. (Wer weiss, vielleicht sind "die Depots" bei Kaisers im Marmeladenregal? Zu "den Depots" mehr unter 'So allein heut abend?').
Meine erster Gedanke, als die Vorhut des LKA Berlin am 31.7. bei uns in der Wohnung stand und mich anschrie (das BKA kam erst später, weil sie es aus Meckenheim nicht zu um 7 Uhr morgens geschafft hatten), war "Oh. So ist das also." Danach dachte ich eine ganze Weile lang nicht mehr so viel. In den Wochen danach, in meinem neuen Alltag allein mit zwei Kindern, zwischen Anwältin, unendlich vielen Menschen, die helfen wollten und der Realität, angeblich mit einem von Deutschlands Top-Terroristen liiert zu sein (wir sind übrigens nicht verheiratet), habe ich lange gebraucht, wieder Boden unter die Füße zu kriegen. Der Graben zwischen dem Bewusstsein, dass die ganzen Puzzlesteine, die die terroristische Identität belegen sollen, im wirklichen Leben jede Satire überholen, und andererseits dem Wissen, dass das kein Spaß ist, sondern völlig ernst gemeint, ist ziemlich tief. Beides in einem Kopf zu einer Realität zusammen zu bringen, ist nicht so einfach. Als Andrej nach drei Wochen Moabit wieder da war, wurde es etwas besser. Wir gewöhnen uns zu schnell an Dinge, und deswegen ist es gut zu lesen, wieviele das alles überhaupt nicht normal finden.

Ich würde die aktuelle Aufmerksamkeit gern für etwas nutzen, das uns sofort wieder in die Niederungen der Ebene führt, aber uns auch sehr nahe geht. Dieses Verfahren kostet unglaublich viel Geld. Weder Andrej noch ich werden plötzlich mit der Sorte lukrativer Aufträge überschüttet, die uns zumindest die finanzielle Seite dieses Desasters gut aushalten ließen. Auch unsere Tage haben nur 24 Stunden, wir haben Kinder, die das alles nicht lustig finden und uns also mehr brauchen, und die Bewältigung des alltäglichen Wahnsinns frisst Zeit und Kraft.

Andrejs AnwältInnen und die der anderen Beschuldigten arbeiten viel und verlangen dafür wenig. Dennoch müssen sie bezahlt werden. Auch kleine Spenden sind eine Hilfe, noch besser wären kleine (oder größere) Daueraufträge (Details zu den Spendenkonten).

In der nächsten Woche hat die BAW ZeugInnen vorgeladen, denen Bußgelder drohen, wenn sie verweigern, über ihre Freunde, Kollegen, Mitbewohner auszusagen und im schlimmsten Fall wird versucht werden, sie mit bis zu sechs Monaten Beugehaft dazu zu zwingen. Auch mehrmals hintereinander. Auch das kann sehr teuer werden und wird sicher nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie etwa die Festnahme von Andrej. Deswegen auch für sie hier die Bitte um Spenden.

Dabei stellt sich sicherlich die Frage, warum sie nicht aussagen sollten, wenn sowieso nicht Belastendes zu sagen ist. Ich sehe hier ein gewisse Nähe zum Thema "Ich habe nichts zu verbergen". Überzeugend fand ich eine Darstellung bei einer Infoveranstaltung zu verschiedenen §129a-Verfahren vorgestern abend in Hamburg. Bei einer Vorladung war ein Zeuge gefragt worden, ob er wisse, worüber und wie oft sein Mitbewohner mit einer bestimmten Person telefoniere. Seine Antwort: "Keine Ahnung." Daraus wurde dann in den Akten, dass die beiden sich offenbar bewusst konspirativ verhielten, denn sonst hätte der Zeuge das ja sicherlich beantworten können. Das bestätigt, was sich auch aus Andrejs Akten ergibt: es lässt sich mit etwas bösem Willen schlicht alles gegen jemanden verwenden.

Selbst Andrejs Professor Häussermann ist vorgeladen, und viele andere, bei denen nicht so wirklich offensichtlich ist, was deren mündliche Befragung zutage fördern könnte, was die Überwachung nicht konnte. Eine ganze Reihe haben Kinder und sind also leicht unter Druck zu setzen. Wobei das auch so schon stattfindet - mich würde durchaus interessieren, welche Erkenntnis die Behörden sich davon versprechen, wenn sie telefonisch nachfragen, wie einer der Beschuldigten denn so küsst. Nun könnte man sagen, dass ich offensichtlich den Bemühungen der BAW nicht ganz objektiv gegenüberstehe und sowieso nicht viel von Anti-Terror-Fahndung verstehe: granted. Ja, gebe ich zu. Aber ich finde sie auch wirklich bisher weder von der Form her besonders überzeugend noch habe ich den Eindruck, dass es auf der anderen Seite etwas gibt, das einer wie auch immer gearteten Objektivität auch nur nahe kommt.

Dazu passt noch die schon angedeutete kleine Geschichte unserer persönlichen Video-Überwachung. Aus den Akten ergibt sich, dass die Eingänge, des Hauses, in dem wir wohnen, mit Videokameras überwacht wurden - ich würde mich sehr wundern, wenn das jetzt nicht mehr so wäre. Eine vorn, eine hinten. Wir wohnen in einem Berliner Mietshaus, und bei weitem nicht alleine. Zur Kamera hinten gibt es die schriftliche Anmerkung, dass sie so aufgebaut war, dass sie im Frühjahr mit zunehmender Belaubung der Bäume ihren Zweck nicht mehr erfüllte, weil außer Grünzeug nichts mehr zu sehen war und also wieder abgebaut wurde. Schön, könnte man denken. Tatsächlich führt das dazu, dass das BKA nun erst recht annimmt, dass Andrej an allerhand terroristischem Zeitvertreib beteiligt gewesen sein soll, einfach weil es ja nicht auszuschließen ist, dass er das Haus zu bestimmten Zeiten durch den Hinterausgang verlassen hat. Ich habe mich noch nicht dazu durchringen können, zu fordern, dass er permanent von einer Kamera begleitet werden soll.

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http://www.ostblog.de/2007/10/terrorblog.php
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2007/10/18/uberwachungsdruck-2/
http://blogs.hr-online.de/nightline/2007/10/18/so-verfolgt-das-bka/
http://www.trueten.de/archives/3291-Wissenschaftliche-Arbeit-unter-Terrorverdacht-Zur-Entgrenzung-des-Rechtsstaates.html
http://www.salzstangengourmet.ath.cx/politik/das-bka-hort-mit-eine-uberwachte-vom-staat-bloggerin-berichtet/
http://www.verstecken.net/index.php/2007/10/18/eine-frau-die-vom-bka-ueberwacht-wird-bloggt/
http://stefan.ploing.de/2007-10-18-leben-unter-beobachtung
http://blog.cynx.de/archives/2576-Stasimethoden.html
http://www.fellowpassenger.de/archives/448
http://blog.till-westermayer.de/index.php/2007/10/19/asymmetrische-oeffentlichkeit-3/
http://technikforschung.twoday.net/stories/4365590/
http://citronengras.de/das-knacken-in-der-leitung/
http://www.duckhome.de/tb/archives/1380-Blogempfehlung-Verfolgung-in-Deutschland.html
http://feynsinn.org/?p=617
http://www.queergedacht.de/213/mutig
http://www.nerdcore.de/wp/2007/10/19/eine-vom-bka-uberwachte-burgerin-bloggt/
http://www.incertum.net/archives/157-BKA-Terror.html
http://craplog.de/bka-terror-ii/
http://spedition-informatik.blog.de/2007/10/18/was_passiert_mit_angehorigen_uberwachter~3155591
http://schieflage.blogspot.com/2007/10/eine-deutsche-familie-unter-beobachtung.html
http://boesartiger.blogspot.com/2007/10/man-darf-die-sache-nicht-verharmsen.html
http://levold.wordpress.com/2007/10/21/militante-gruppe-mg/
http://www.korrupt.biz/602/so-fuhlt-sich-totaluberwachung-an/
http://onlymeandi.wordpress.com/2007/10/21/kurznotiz-annalist/
http://www.hartz4all.de/blog/archives/121-BKA-Terror-dank-Terrorverdacht.html
http://asynchron.blogspot.com/2007/10/gentrifizierung.html
http://kuechenkabinett.org/archives/2007/10/21/smile_you_are_b.html
http://www.heise.de/newsticker/meldung/97698
http://www.85qm.de/archives/586-Die-Zukunft-ist-jetzt....html
http://blog.phpaws.net/blogging/blogroll/annalistnoblogsorg/
http://www.rainer-rilling.de/blog/?p=244
http://www.unixboard.de/vb3/showthread.php?t=34368
http://blog.de.mykralle.de/2007/10/19/stadtsoziologen/
http://www.optimaten.de/archiv/186-Superterrorizer.html
http://www.betonblog.de/2007/10/22/unter-verdacht-ganz-realistisch-ein-lesenswerter-blog/
http://blog.pantoffelpunk.de/brechmittel/revolution-gern-aber-bitte-aus-dem-home-office
http://www.schockwellenreiter.de/2007/10/23.html#anDenRandDerParanoiaGetrieben
http://subwave.blogsport.de/2007/10/22/mixed-34/
http://www.schaeuble-wegtreten.de/blog/?p=55
http://www.abriss-berlin.de/blog/2007/10/23/familie-im-uberwachungsterror/
http://www.tour-blog.de/?p=988
http://www.silberkind.de/serendipity/index.php?/archives/1483-WTF.html
http://mutantenstadl.de/archives/275-Selbstzensur-unter-UEberwachungsdruck.html
http://neoanarchie.net/archives/731-Sprachlos-im-Anblick-der-Dummheit.html



Englisch
http://a-binomi.livejournal.com/2498.html

Zugegeben: das geht technisch wahrscheinlich eleganter, aber wer kannte schon von Anfang an alle Finessen des coolen Blogs?