Über die Berichterstattung über die Proteste im Iran habe ich mich das erste Mal gewundert, als ich in irgendwelchen Fernsehnachrichten (Tagesthemen?) zu Bildern von brennenden Autos (sic) und sich mit Polizisten prügelnden Demonstranten einen Kommentar hörte, der die "friedliche Revolution" pries. Na gut, nicht wirklich gewundert. Aber das Wort "friedlich" war schon ungewöhnlich in dem Kontext.
Die Leute, die da gerade für ihr Engagement bejubelt werden weil es für
sie eine völlige Selbstverständlichkeit ist, die Informationsfreiheit
dort zu ermöglichen, wo sie staatlich beschnitten und unterdrückt wird,
die Leute werden hier von unserem Wirtschaftsminister als
Pädokriminelle bezeichnet, das sind "diese...
Internetcommunitybenutzer", das sind diese amokgefährdeten
Killerspieler, das sind diese Schäubleschen "Störer" (deren TOR-Server
Anlass für Hausdurchsuchungen sind) ...
Ich breche das Zitat mal an der Stelle ab, wo es gleich um Bombenbauanleitungen geht, das scheint mir denn doch heikel - die BKA-Anmerkung dazu, warum ich das wohl eingebaut hätte, kann ich mir in etwa vorstellen. Immerhin bin ich ja deutsche Netzbewohnerin (und im Vergleich bin ich nicht mal besonders unglücklich darüber, trotz allen Ärgers, den das mit sich bringt).
Die Erklärung, warum das so ist, schön zusammengefasst:
Es geht gar nicht um ein paar DNS-Sperren. Es geht auch nicht um
Kinderpornografie und um angeblich rechtsfreie Räume für ein paar
Musikdownloads oder einen Filmstream, den ich mir im Kino ohnehin nie
angesehen hätte. Es geht um die Angst eines Staates vor
Kontrollverlust.
So sehr unsere Politiker über die Findigkeit und
Kreativität jubeln, mit der im Moment iranischen Menschen geholfen
wird, auf ihre Situation aufmerksam zu machen so sehr werden sie auch
daran erinnert, daß die selbe Transparenz ihnen hier ihr schönes System
aus sorgfältig und teuer aufgebauten Lobbysatelliten (wie z.B. die
Deutsche Kinderhilfe) ans Licht zerrt.
Daß ihnen ihre manipulativen
Umfragen, mit denen Sie Jahrzehnte lang mit ihrem repräsentativen und
unabhängigen Anstrich den Schein erweckten, die Wähler seien mit ihrer
Arbeit einverstanden, nun die Ohren fliegen, weil sie schon am selben
Tag im Netz komplett durchanalysiert und entlarvt werden.
Hans Weingartners Kurzfilm "Gefährder" über Andrejs Festnahme und ein paar Hintergründe kommt nächste Woche in die Kinos. Nicht allein, sondern zusammen mit 12 anderen Kurzfilmen im insgesamt 2,5 Stunden langen Film "Deutschand 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation". Das hatte ich vor einem Monat schon beschrieben, als der Film bei der Berlinale Premiere hatte.
Da hatte ich auch schonmal einen Pressespiegel erstellt. Der Kinostart in Berlin ist am Donnerstag in der Kulturbrauerei. Wer wissen will, wann er woanders läuft, bitte hier entlang. Ich fand einige gut, einige interessant, einige schlecht. Der ganze Film ist wirklich sehr lang.
Interessant fand ich das Interview mit Hans Weingartner dazu (s.u.), warum er den "Gefährder" gemacht hat (Andrej wird aber mit j, und nicht mit ´ geschrieben..).
Ansonsten bleibt mir nur, darauf hinzuweisen - in Übereinstimmung mit dem Regisseur -, dass es sich um Fiktion
handelt. Insbesondere, was die Rolle der Frau des Boris (=Andrej) im
Film angeht. Viel Spaß, oder vielleicht besser Erkenntnis, beim
Gucken.
Das Comeback der Überzeugungen
Starker Staat, schwache Banken, politische Presse:
Haben die linken Medien im Krisenjahr 2009 wieder Konjunktur?
aufgenommen. Am Freitag lief in der 69. Ausgabe ein einstündiger Zusammenschnitt:
Mir kam die dankenswerte Aufgabe zu, in einer Runde mit den vier (Ex-)ChefredakteurInnen von taz, Frankfurter Rundschau, Neues Deutschland und Freitag die Blogs, Nicht-Printmedien, ... zu verteten. Vielen Dank nochmal an alle, die auf meine Fragen, was anderen zu dem Thema noch wichtig scheint, reagiert haben!
Gibt
es eine besser Methode, um das Verhältnis Medien - Finanzkrise zu
illustrieren? Die Welt hat eine Finanzkrise, die Medien haben eine
Printmedienkrise. Die Medienkrise gibt es sowieso, und durch die
Finanzkrise wird sie erheblich dramatischer. Ob das, um der
Fragestellung der Veranstaltung zu folgen, dazu führt, das linke Medien
Morgenluft wittern und wieder ordentlich kritisch werden: ich bezweifle
das.
In drei Wochen findet in Berlin eine Veranstaltung der Linken Medienakademie statt: Das Comeback der Überzeugungen. Ich bin eingeladen, mit vier (Ex-)ChefredakteurInnen von Zeitungen über das Verhältnis zwischen linken Medien und der Finanzkrise zu diskutieren. Das erste Mal, dass ich "als Bloggerin" eingeladen werde - nix Andrej Holm, nix militante Gruppe, nix Terrorismus, Bloggen pur. Und vielleicht, dass es hier in der Regel um Politik geht.
(Für alle, die ungern mehr als zwei Absätze lesen: unten kommt noch eine Frage, zu der ich Antworten suche)
Habe ich etwas über das Verhältnis linker Medien zur Finanzkrise zu sagen? Erste Reaktion: nein, habe ich nicht. Ich fühle mich nicht repräsentativ für die Blogosphäre an sich, ich habe überhaupt keine Zeit dazu, mögliche Auswirkungen der Finanzkrise auf Online-Medien zu verfolgen und ob da besonders viel oder anders drüber diskutiert wird, weiß ich auch nicht.
Andererseits - gerade flatterte mir eine Werbung des Mecklenburgischen Tourismusverbands in die Mailbox, die war wirklich originell:
Über den Gaza-Krieg zu bloggen, ist fast unmöglich: es gibt zuviel dazu zu sagen, als in einen Blog-Artikel passt, der auch gelesen würde.
Manches spricht für sich.
Im israelischen Fernsehsender Channel 10 wurde gestern abend live ein Telefonat mit dem palästinensischen Arzt al-Aisch übertragen, der gerade drei seiner acht Kinder durch einen israelischen Angriff auf sein Haus verloren hat. Eigentlich sollte kurze Zeit später eine Live-Schaltung mit dem Arzt gesendet werden, der regelmäßig per Telefon aus Gaza berichtet hatte.
(Englische Untertitel können über das kleine weiße Dreieck auf roten Hintergrund in der unteren rechten Ecke aktiviert werden)
Heute ist der letzte Tag des Berliner Radios "Multikulti", Teil des öffentlich-rechtlichen Senders rbb, das 'aus Kostengründen' eingestellt wird. Die letzte Sendung gibt es heute von 17-22 Uhr auf 96,3 MHz oder online.
Unsere vier Wochen Urlaub sind noch nicht ganz vorbei, und just jetzt nimmt sich Spiegel Online unserem Erleben der Ueberwachung an. Schoen. Erstaunlich allerdings, dass der werte Autor von "Unterwegs in Digitalien. Selbstüberwachung schützt vor Fremdüberwachung" nicht noetig hatte, einmal nachzufragen, bevor er so schrieb, als ob er sich mit uns unterhalten haette.
Ironie, erzählt sie, verbitte sich am Telefon: "Das verstehen die Ermittler nicht."
Wenn sowas in den Leitmedien steht, gehe ich ja normalerweise davon aus, dass das auf direkte Nachfrage entstanden ist? So schwer sind wir ja gar nicht zu erreichen, und beantworten ja auch fast alle Anfragen. Aber sonst nett.
Naechste Woche sind wir wieder da, dann schreibe ich auch wieder mehr.
PS: Fuer alle Spiegel-LeserInnen, die die Berichte ueber unser Leben mit Ueberwachung suchen: Die meisten davon sind Ende letzten Jahres entstanden, einfach weil da am meisten davon spuerbar war. Das Verfahren laeuft immer noch und unsere Familie wird auch weiter ueberwacht, aber nicht mehr so offensichtlich. Die Geschichte zum 'Schwarzen Beutel' etwa fand schon im August statt.
Ich habe vor ein paar Tagen etwas über den Al-Dschasira Kameramann Sami Al Hadj geschrieben, der seit fast sechs Jahren in Guantanamo sitzt. Seit dem 7. Januar 2007 ist er im Hungerstreik gegen seine illegale Inhaftierung und wird zwangsernährt.
Er wurde im Dezember 2001 von der pakistanischen Polizei festgenommen, im Januar 2002 an das US-Militär übergeben. Seit Juni 2002 ist er in Guantanamo, ohne Anklage, und wird dort körperlich und psychisch misshandelt. (Amnesty Report, Reporter ohne Grenzen, http://www.prisoner345.net/ Website zur Unterstützung von Sami Al Hadj, seiner Familie und seinen FreundInnen)
Aufgerufen wurde zu den Aktionen u.a. von Amnesty International (englisch, deutsch) und der American Civil Liberty Union. In Washington beteiligten sich etwa 400 Menschen (82 Festnahmen), außerdem wurde vor den amerikanischen Botschaften in London, Rom, Sydney, Kopenhagen, Athen, Istanbul, Manila, Berlin und vielen anderen Städten demonstriert. (NZZ online "Weltweite Proteste für Schliessung von Guantánamo") Einen Überblick über Aktionen sammelt die Website Witness against Torture.
Der Bericht über die Demonstrationen von Indymedia Washington, DC enthält die Audio-Datei eines Telefon-Interviews mit Sami Al Hadj's Bruder Asim Al Hadj in Karthum, arabisch mit englischer Übersetzung (9 Min, wav). Er beschreibt, warum Sami Al Hadj für Al Dschasira an der afghanisch-pakistanischen Grenze war, wie er dort festgenommen und unter welchen Bedingungen er festgehalten wurde. Die Aufnahme bricht ab nach Schilderungen grausamer Foltermethoden in der Haft in Kandahar.
Ein weiteres Interview gab es bei Democracy Now! am 15.1. (diverse Videoformate, Transkript)
Heute gibt es ein ganz besonders geschmackvolles Arrangement im Spiegel. Links im Bild ein Artikel über den Prozess wegen der brutalen Vergewaltigung und Ermordung eines 14-jährigen Mädchens, rechs ein Video über die 'Baltic Women 2007'. Keine Beschreibung, du klickst und hörst eine freundliche weibliche Stimme:
Striptease ist die Kunst der erotischen Entkleidung und das meistens auf einer Bühne. In Litauen fand nun die Baltic Women 2007 statt, ein Wettbewerb im sog. Stangenstriptease.
Und so weiter, garniert mit rein dokumentarisches Aufnahmen.
Ganz sachlich. Warum soll nicht auch der Spiegel ein bisschen von Sex sells profitieren? Genau wie die Pardon damals.
Manche Nachrichten brauchen ein bisschen länger - eben bin ich bei Kulturzeit über einen Beitrag gestolpert, der berichtet, dass Florian Opitz wieder frei und in Berlin angekommen ist. Damit kann ich meinen Bericht über die Festnahme auch wieder freischalten. Solange er in Nigeria war, sollte nicht öffentlich berichtet werden, wurde ich gebeten, um die nervöse nigerianische Regierung nicht unter Druck zu setzen.
Hintergrund: der Dokumentarfilmer Florian Opitz, Kameramann Andy Lehmann (beide Berlin), Danjuma Saidu (Nigeria) und Judith Asuni (US/Nigeria) wurden im September bei Recherche-Arbeiten in Nigeria mit dem Vorwurf Spioniage festgenommen, weil sie Ölraffinerien gefilmt hatten. Ihnen drohten bis zu 14 Jahren Haft. Was aus den den beiden anderen geworden ist, lässt sich den Berichten nicht entnehmen. Laut Kulturzeit sind bisher 60.000 Euro Anwaltskosten zu zahlen.
Florian Opitz hat zuletzt "Der große Ausverkauf" gedreht, einen Film über Privatisierung.
Anne Roth
Ich lebe in Berlin, bin Medienaktivistin, Journalistin, Übersetzerin, Mutter zweier Kinder und seit Juli '07 vor allem bekannt als Partnerin von Andrej Holm, der morgens um 7 Uhr in unserer Wohnung als Terrorist festgenommen wurde. Seitdem blogge ich über das Innenleben einer Terrorismus-Ermittlung (vor allem hier nachzulesen, mehr in der Mediathek) und, seit nicht mehr so spürbar ermittelt wird, zunehmend über Terrorismus und den "Krieg gegen Terror" an sich. Das §129-Verfahren dauert allerdings an, auch wenn die Bundesanwaltschaft seit Juli '07 nichts gefunden hat, das den Vorwurf erhärtet hätte. Die Überwachung geht weiter.
Das Auge stammt vom Plakat "Europäisches Unterbewusstsein I" der Künstlergruppe bankleer. Mehr darüber hier.
Der Name
'annalist', der Name des Blogs, hat nichts mit meinem Namen zu tun. Ich heiße nicht Anna List. Annalisten wurden im alten Rom die Geschichtsschreiber, oder Chronisten, genannt (von 'Annalen'). Mehr dazu hier.